von Carl Hegemann und Barbara Weber nach Motiven des Filmes „What ever happened to Baby Jane”
„Baby Jane” basiert auf dem von Robert Aldrich 1962 verfilmten makabren Psychoklassiker „What Ever Happened to Baby Jane”, in welchem es zum zeitlosen Showdown zwischen den beiden Hollywood-Diven Bette Davis und Joan Crawford kommt. Sie spielen zwei nahezu isoliert von der Aussenwelt lebende Schwestern, deren Lebensschicksale sich durchkreuzen. Auf dem Nährboden narzisstischer Kränkungen gedeiht subtiler Geschwister-Terror und methodisch erzeugter Wahnsinn. Ein kompromissloses psychologisches Melodrama. Ein Thriller.
Mit:
So: ja. So macht das Nachspielen alter Filme im Theater Sinn. In Barbara Webers Inszenierung ‚Baby Jane’, die Freitagabend in einem baufälligen Haus am Rande von Zürich Premiere feierte, wird ein Hollywood-Schinken intelligent rezykliert. Aus Altem entsteht Neues, und es ist ein Vergnügen, dabei Zuschauer zu sein. [...] Das alte Haus ist meisterlich eingesetzt. Dank unaufwendiger Übertragungstechnik zieht es die Zuschauer rasend schnell in die Atmosphäre paranoider Bespitzelung hinein.
Ganz am Rande der Stadt Zürich, in einer Abbruchliegenschaft, erteilt uns Barbara Weber, Co-Chefin des Theaters Neumarkt, eine erstklassige Lektion, was Performen heisst. Sie tut dies, indem sie uns zwei Schauspielerinnen dabei zuschauen lässt, wie sie zwei Schauspielerinnen spielen und dabei weder ganz der gespielten Rolle noch der spielenden Schauspielerin noch dem Publikum gehören, sondern sich in einem Graubereich dazwischen bewegen. Den Stoff hat sich Barbara Weber bei einem (nochh immer ein wenig verkannten) Filmklassiker geborgt: "What ever happened to Baby Jane" von Robert Aldrich aus dem Jahre 1962. Die Schwestern Jane und Blanche Hudson, beide früher im Show- und Filmbusiness tätig, sind durch Neid, Rivalität und einen mysteriösen Unfall in zerstörerischer Hassliebe aneinandergekettet. Die Trinkerin Jane, als Kind ("Baby Jane") ein grosser Star, "pflegt" die seit dem Unfall an den Rollstuhl gefesselte Blanche, die als Erwachsene viel erfolgreicher war. Dass Blanches Filme nun im Fernsehen ausgestrahlt werden und von allen Seiten Fanpost eintrifft, löst bei Jane einen psychotischen Schub aus, der zur Tragödie führt. Barbara Weber lotst ihr Publikum an die Peripherie nach Altstetten (auch so ein Graubereich – man fährt im Extratram dorthin, für Verpflegung und Unterhaltung ist gesorgt) in ein todgeweihtes Einfamilienhaus, in das sie den klaustrophobischen Kosmos der Filmstory implantiert. Eine mobile Videokamera, deren Bilder aus den Zimmern im ersten Stock, aus dem Keller und aus der Umgebung des Hauses in den Zuschauerraum im Parterre übertragen werden, ermöglicht eine moderne Form der Simultanbühne, die der vielen Close-Ups wegen oft voyeuristisch geprägt ist (Bühnenbild: Michel Schaltenbrand, Video: Georg Lehndorff). Und hier schlägt die Stunde der Performerinnen: Im Film brillierten die beiden Hollywoodgrössen Bette Davis als Jane und Joan Crawford als Blanche gerade wegen ihrer unbedingten Hingabe an die Rolle, was sie zur Aufgabe auch des letzten Restes von divenhafter Würde zwang. Mira Partecke als Jane hingegen ist keine Dienerin der Rolle, sondern verkörpert Jane wie eine, die auf eigene Rechnung auftritt, abgekoppelt von Regie und Dramaturgie, und die dennoch das Nötige tut, um die Teile der Handlung sich fügen zu lassen. Ihre Auftritte sind eine monströse Selbstinszenierung zwischen Charme, Hyterie, Bosheit und Ironie mit Ansprachen ans Publikum, Kommentaren und erzählenden Passagen, also einer Fülle von Verfremdungseffekten – und paradoxerweise spielt sie so gleichzeitig von der Figur weg und direkt in ihr Wesentliches, den psychotischen Wahn, hinein. Yvon Jansens Blanche scheint zuerst ziemlich genau auf der Spur von Joan Crawfords Interpretation zu sein: Weich und auf fast schon unheimliche Weise nachgiebig und freundlich begegnet sie den immer rabiater werdenden Quälereien ihrer Schwester. Doch nachdem sie sich die Treppe hinunter gequält hat, um im Wohnzimmer ihren Arzt um Hilfe anzurufen, "entdeckt" sie das Publikum und entschuldigt sich bei ihm, nicht ästhetischer hinunter gerobbt zu sein. Auch diese Opfer- und Leidensfigur fällt sofort aus ihrer Rolle, wenn sie Publikum wittert, und findet gerade dann zu ihrem Kern. Barbara Webers Inszenierung ist allerdings kein reines Performerinnen-Duell, sondern zuweilen eine Ga-Maschinerie mit einer Fülle von Ausstattungsdetails, witzigen Anspielungen und Doppelbödigkeiten – so heisst Blanches Papagei, den Jane übel zurichtet, Mr. Aldrich – und mit ironisch überdeutlich eingesetzter Thriller-Filmmusik. Und Sigi Terpoorten in den Nebenrollen demonstriert einige Varianten des Clown-Performing, indem er Trottel-, Versager- und Dienerfiguren mit erzählerischen und kommentierenden Elementen aufwertet. Blödelfrei ist diese Produktion allerdings nicht. Und streckenweise erscheint ihre virtuose, durch vielfache Brechungen gekennzeichnete Erzählweise als Selbstzweck. Doch in der Summe zeigt die Regisseurin mit viel Witz, welch zäher Trieb das Buhlen um einen Platz im Scheinwerferlicht ist. Und sie denunziert ihn nicht nur, sondern feiert ihn auch. Genau das macht den Reiz des Performens aus.
Was aber in Weber'scher Tradition viel stärker im Zentrum steht und fasziniert sind die Diven: Ihre Spannungen und Abgründe, Eifersucht und Rivalität, Selbstinszenierung und unendliche Einsamkeit, das Verschwimmen von Ich und Rolle. Dieses Spannungsfeld loten die hervorragenden Darstellerinnen, beschwingt unterstützt von Sigi Terpoorten, lustvoll aus. Jansen als gefasste, elegante, ergreifende Blanche. Partecke als fragil unberechenbare Jane, die mit Blanches Vögelchen turtelt, um es im nächsten Moment kaltblütig totzuhauen und dann der Schwester hysterisch verzweifelt vom Verlust zu berichten. Dabei verliert sie nie die Distanz zu ihrer Figur – alles ist Spiel, alles ist Show bis zum bitteren Ende. Das ist unheimlicher als der oberflächliche Grusel, den Thriller-Soundtrack, Keller und Blut am Schluss heraufbeschwören sollen. Unheimlich sind außerdem die Momente, in denen die Zuschauer allein zurückgelassen werden, den Geräuschen im Abbruchhaus ausgeliefert und konfrontiert mit ihrer dubiosen Position als passive Voyeure und Komplizen Janes.
Fr 20.11.2009 - 20.00
Dauer: 2h 3m