In Krisenzeiten müssen die Menschen wieder merken, dass man Erschütterungen
überleben kann, und seien es die eines Erdbebens. In Calvins folgenreichem System der Prädestination haben Katastrophen allerdings keinen Platz; lange war es unsere religiöse Pflicht, es gar nicht dazu kommen zu lassen. Fazit also: Die Schweiz braucht endlich ihren eigenen Katatrophenfilm… Auf einem transmedialen Trip durch Unbekanntes wie allzu Vertrautes nimmt uns der mehrfach ausgezeichnete Autor Jörg Albrecht die Angst vor dem Zusammenbrechen aller Sicherheiten. Sein Stück ist eine Auftragsarbeit für das Theater Neumarkt.
Mit:
Das ‚Erdbeben’ im Theater Neumarkt, das knapp 90 Minuten dauert und dabei die Lachmuskeln der Premierengäste strapaziert, hat sich nicht etwa ein später Eleve der vaterlandslosen Gesellen Friedrich Dürrenmatts oder Max Frischs ausgedacht – der Mann mit der Hornbrille taucht sogar in einer Miniatur-Parodie von Rahel Hubacher auf –, sondern der junge Deutsche Jörg Albrecht, er gilt als literarischer Hasardeur, der sich verwegen in die Welt der Zeichen stürzt und dabei alle Plattformen ausnutzt.
Herr Calvin ist ein gefragter Mann in Zürich. Am Schauspielhaus steht er mit "Calvinismus Klein" auf dem Programm. Schon diesen Donnerstag ist Jörg Albrechts Auftragswerk "Können wir uns die Katastrophen nicht sparen, Herr Calvin?" am Neumarkt zur Uraufführung gekommen: als verspielte und spielfreudige Show für eine Gitarre, Video und ein Ensemble. Es ist mehr ironisches Spiel und popkulturelle Late Night als Geistesgeschichte und Stadtbefindlichkeit. Die Katastrophen durchspielen, um sie zu bannen: Von Calvins Idee der Vorbestimmung ausgehend, lässt Albrecht einen Bundesrat hemdsärmelig übers Land sinnieren und zum Schluss kommen, die Schweiz brauche ihren eigenen Katastrophenfilm. Es spielen Brad Pitt (cooler Vater, gelassener Mann: Thomas Müller), Angelina Jolie (aufreizend, genervt: Alicia Aumüller), Bruce Willis mit wenig Lust am Text, dafür an den Stunts (Jörg Koslowsky) und Jodie Foster (Michael Ransburg) – ganz casual vor lauter Berühmtheitsein. "Die Schweizerin" ergänzt das Aufgebot, doch sie hat trotz aller Robustheit einen schweren Stand (Rahel Hubacher). [...] Dabei scheut Jörg Albrecht, der junge, mehrfach ausgezeichnete Autor, keine komplexen Fragen. Befindlichkeiten im digitalen Zeitalter hat er essayistisch ausführlich beschrieben. Im Stück bringt es Brad Pitt auf den Punkt: Es kommt ein Monster nach Zürich, man dreht sich weg, rennt um sein Leben, und wenn man sich umdrecht, ist alles beim Alten.
Das mit Namen, Schall und Rauch hochgereizte Spiel kämpft mit der Krux, dass die beabsichtigte digitale Gleichzeitigkeit von Anachronistischem und Getrenntem an den analogen Bedingungen der Bühne scheitern muss. Im Rückblick aber ist der Witz erkennbar: Die aufgeschobene Katastrophe ist hinter uns, das Spiel ist die Katastrophe, nämlich die allmähliche Verfertigung von Bruch und Haufen, in dem alles in eins zusammenfällt. Verschont werden die "Erwählten", das Theater und sein Publikum; alle anderen gehörten zu den Verdammten. - Verdatterter Applaus.
Do 29.10.2009 - 20.00