Ach, die Unergründlichkeit der Liebe! Sie verabschiedet sich so überraschend, wie sie aufgetaucht ist. Und mit der Erotik sieht es nicht besser aus – in einem einzigen Moment kann sie für immer verschwinden. Die Ehe senkt die Überlebenschancen für die beiden Leidenschaften noch erheblich. Während man freundlich nebeneinander herlebt, erwacht plötzlich die Gier nach etwas neuem, anderem. In einem New Yorker Atelier – Workspace, Künstlerkommune und Rückzugsort – suchen neun Menschen – Intellektuelle, Künstler, oder solche, die sich dafür halten – nach einem Mittel gegen die Emotionstristesse. Beim Versuch, den gordischen Knoten ihrer Gefühle für- und gegeneinander zu lösen, verstricken sie sich aber immer weiter in einem Netz aus Neurosen und Lebenslügen. Jetzt kann nur noch Tschechow helfen – oder gibt es, wie Woody Allen sagt, mehr Probleme, als dass man sie durch einen einzigen Selbstmord lösen könnte?
Die als „Die Möwe“ angekündigte Produktion heisst jetzt „Manhattan Möwe“. In Downtown NY treffen Stadtneurotiker auf Charaktere aus Anton Tschechows Drama.
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Allen voran ist da Thomas Müller, der mit Brille, Schnauz und gutem Timing als Jack wahres komödiantisches Talent beweist. Auch Marie-Lou Sellem ist ein Glücksgriff, ihre Sally ist mindestens so anstrengend streng wie diejenige im Original, und fürs dramatische Händeverwerfen kriegt sie einen Oscar. Die textlichen Abkürzungen sind witzig – "Ist es in Ordnung, wenn ich dich nun zweimal auf die Stirn küsse und dann auf den Mund?" –, das Bühnenbild gescheit. Ganz weit hinten in der sich verengenden Bühnenflucht siedelt Moritz Müller die Manhattan-Küche, in der die Figuren gut sichtbar sind und doch entrückt: das Hysterikerlabor, leicht erhöht. Dort hinauf führt eine Treppe, über die dauernd gestolpert wird, und vorne, nah beim Publikum, ist die Zone der persönlichen Geständnisse. Ein Sofa für die Psychoanalyse steht auch bereit, wird aber selten gebraucht; ein lottriges Büchergestell zeigt, dass Bildung auch nichts hilft, wenn das psychische Fundament fehlt. Es ist ein Setting, in dem die Neurosen Freilauf haben und der gesunde Menschenverstand draussen bleibt. Niemand geht hier, alle rennen; niemand spricht, alle schreien dauernd.
So 19.06.2011 - 20.00
Dauer: 3h 0m