nach dem Roman von Lion Feuchtwanger
Bühnenfassung von Rafael Sanchez und Eberhard Petschinka
Eine tragische Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der Reconquista im Kastilien des 12. Jahrhunderts. Der junge, kriegshungrige König Alfonso VIII. begehrt Raquel, die schöne Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, und verlangt, dass sie seine Geliebte werden soll. Raquel willigt auf diese abenteuerlich ungehörige Forderung ein, weil sie die Existenz ihrer Familie und die Friedensverhandlungen ihres Vaters sichern will. Aber auch bei ihr wächst schliesslich eine grosse Liebe für die stolze Wildheit des fremden Ritters. Private Motive und Ereignisse verweben sich immer stärker mit politischen, bis sich das Schicksal der Figuren schliesslich auf den Schlachtfeldern der Kreuzkriege entscheidet. Feuchtwanger lässt in seinem historischen Roman die Faszination des kriegerischen Helden, gegen die noch nicht einmal Opfer und Feinde immun sind, in der Liebe von Raquel zu Alfonso eindringlich lebendig werden.
Eine Koproduktion mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus
Mit:
Rafael Sanchez macht daraus einen grellen, bunten Comic, in einem wahnsinnigen Tempo, überspitzt, mit nach aussen gelegten Motivationen. [...] Nikolaus Benda, neues Zürcher Ensemble-Mitglied, spielt den Erzbischof ganz fanatisch, mit fiebrigen Augen ruft er mit gereckter Hand zum Heiligen Krieg auf; Thomas Müller spielt König Alfonso mit ständig verrutschender Perücke wie ein dummes, verwöhntes Kind, impulsiv, überzeugt von sich selbst, kriegsbegeistert – aber auch verliebt. [...] Es funktioniert, weil es am Anfang sehr mitreisst, weil dieser Comic-Stil einen Abstand und eine Ironie bedeutet, und weil damit natürlich auch der Wahnwitz und die Absurdität ganz gut eingefangen werden. [...] Es ist vor allem ein unglaublich zusammengewachsenes Ensemble aus Düsseldorfer und Zürcher Schauspielern, die mit einem wahnsinnigen Spass und einer irrsinnigen Einsatzfreude am Werk sind – und das ist schön zu sehen.
So launisch ist die Politik. Da trägt einer die Krone, ein feuriger Christ, Alfonso VIII. von Kastilien (Thomas Müller), er giert nach Krieg, nach einem Imperium, am liebsten würde er die muslimischen Eroberer im Handstreich von der Halbinsel verjagen. "Reconquista" hiess das im Spanien des zwölften Jahrhunderts. Nur: seine Minister raten ab. Und sie kennen auch noch stichhaltige Argumente. Der König lenkt ein, gegen seine Leidenschaft. Jahre später will dieser Alfonso von Krieg nichts mehr wissen. Jerusalem ist besiegt, von islamischer Hand. Der Bischof (Nikolaus Benda, neu im Ensemble, ein Energiepaket) schreit "Deus vult!", Gott wolle den Kreuzzug. Alfonso jedoch hat sich in ein Lustschloss eingesperrt und vergnügt sich im Schaumbad mit Raquel – also mit der Tochter jenes Mannes, der dem König nach Belieben den Geldhahn auf- oder zudreht: Jehuda Ibn Esra (Guntram Brattia), ein Handelstycoon jüdischer Herkunft, ein Überläufer aus dem Maurenreich. [...] Dabei lassen Regisseur Rafael Sanchez und Darsteller Thomas Müller keinen Zweifel daran, was von dem Mann zu halten ist, der gern das Teppichpodest im Bühnenzentrum vereinnahmt: Das ist ein Spatzenhirn von einem Regenten, mit Hosen so kurz wie sein Geduldsfaden und einem Hang zur unedlen Ausdrucksweise, etwa wenn sein Befehl nicht "zacki-zacki" genug befolgt wird. [...] In diesem Tollhaus von Toledo muss erst die Schwiegermutter aus London die machiavellistische Ordnung wiederherstellen. Anke Hartwigs Ellinor, eine in eine Tüllwolke gehüllte Hyäne, faucht mit der Grandezza der altgedienten Hofintrigantin den Spaniern ihre Lebensweisheit ins Gesicht: Von allen Leidenschaften sei die Macht die beständigste. Und die Tochter und kastilische Königin Leonor (Yvon Jansen), rasend vor Eifersucht, hat die Botschaft verstanden. Sie sorgt dafür, dass Alfonso noch zu seinem Kreuzzug kommt – schliesslich braucht sie zu Hause freie Hand, um die Familie Ibn Esra auszulöschen. Der König gibt nach, wiederum gegen seine Neigung. Er regiert nicht, er wird regiert: vom Schicksal. Und von den so genannten politischen Sachzwängen, hinter denen in Wahrheit handfeste Privatinteressen stecken. So launisch ist die Politik. Und das führt die Inszenierung des Ex-Baslers Rafael Sanchez bei aller Lust an komischen Sidekicks wunderbar vor.
Die große Politik deformiert in Zeiten des Krieges die Beziehungen im Kleinen. Regisseur Sanchez zieht klugerweise keine Parallelen zwischen Reconquista und dem heutigen "Kampf der Kulturen". Aber er zeigt mit seiner ganz heutigen Inszenierung des historischen Stoffs, dass äußerer Druck die Menschen in Selbstbehauptungszwänge stürzt. Und dann kann Religion mindestens die Munition zu aggressiver Abgrenzung liefern - wenn nicht sogar das Morden und Brennen anheizen.
Großes Schauspielerfest mit allen Mitwirkenden. Da werden alte Haudegen des Ensembles und zickiger Nachwuchs zu einer irrwitzigen Familie vereint.
Mi 29.09.2010 - 19.30
Dauer: 2h 30m