Ameisenreisen

von Lutz&Guggisberg

Uraufführung

Mama, zwei Männer sind auf der Bühne. Der eine bedient allerlei Musikinstrumente und Gerätchen, der andere hat Text. Es geht um Ameisen, die reisen, hinter den Kompostkorb, über die Waschbetonplatte, durch die Scheiterbeige zum Ferienstein. Sie haben das auch verdient - mussten doch krabbeln sie zur Arbeit immerzu! In unserem Abfall herum. In ihrer Freizeit hören Ameisen auch Musik! Sie haben Hunderte von eigenen Radiosendern und ein eigenes Internet, sie lieben Klänge, welche sie riechen, und gerne sprechen sie auch darüber. Ameisen sind Fühl-, Schmeck- und Duftriesen. Lutz und Guggisberg wissen das und führen dem Publikum diverse Fühlerphantome und hochsensible Detektoren vor, mit welchen sie in die Herzen und Hirne der Menschen schauen, der hautfarbenen Riesen.

Eine Produktion von Lutz&Guggisberg

Tages-Anzeiger

Eröffnet wird diese Soiree mit der Freude an der Sinnentleerung und den komischen Effekten, die sich ergeben, wenn man die Betonungen bei allen Wörtern verschiebt. Bei Andres Lutz klingt das dann so, als hätte er die Sprache geschreddert. Dabei greift er in Thementöpfe, von denen einer wie eine Urne aussieht. Lutz zufolge tragen die Töpfe Titel wie "Tier und Mensch" oder "No future". Für uns sind diese Titel ebenso unsichtbar und bedeutungslos wie die Begriffe und Themen, die Lutz geschreddert von den unbeschrifteten Styroportäfelchen abliest. Wichtiger als das Verstehen und das Begreifen ist eh die dadaistische Freude an der Sinnlosigkeit, die sich durch Stauungen, Stauchungen und Stockungen der Sprache ergibt: Man muss das gehört haben! [...] Gewiss, es gibt in den "Ameisenreisen" auch Wortspiele für schlichte Gemüter: Die Zürcher Punkband Sperma wird nur erwähnt, damit jemand im Plattenladen nach Sperma verlangen kann, worauf der Verkäufer antwortet: "Ja, Sperma hab ich noch." Erfreulicherweise erklimmt Lutz mit seinen Wortspielen aber immer wieder intellektuelle Höhen und wird geradezu poetisch, wenn er beschreibt, wie die Köchin Evelyn "grosse Augensäcke" macht, als der vom Fernsehen zur Verfügung gestellte Restauranttester die Gastrocrew mit ihrer Misere konfrontiert.

Neue Zürcher Zeitung

Leicht und flockig wie die Konfetti, die über die Zuschauer niederrieseln, ist dieser Theaterabend. [...] Doch worum geht es? Andres Lutz, der jedes Dialekts mächtig ist, zieht zunächst Zettelchen mit Begriffen aus den Töpfen "Urgeschichte", "Mensch und Tier", "Musik", "No Future" und "Ameiseneier" und zählt dazu Stichworte wie "Ötzi" oder "Grunge" auf, mit falschen Betonungen und Pausen an unpassenden Stellen. Dieser Dadaismus (sind wir an einer Tombola oder im "Benissimo"?") illustriert, wie das Stück zustande kam: ziemlich zufällig. Dann nimmt Lutz die Ameisenperspektive ein und demonstriert "Fühler-Modelle" in einer Fachsprache, die an jene von Autofreaks erinnert ("Dä getunte Ameisenfühler, äs tolls Grät!"). Dazu stellt Anders Guggisberg, der von Heavy Metal bis Minimal House jedes Genre beherrscht, jene Akustik her, die in der Ameisenperspektive zu hören sein könnte. Stark wird die Performance , wenn Lutz von den beflissenen Tierchen spricht, die – zweitausend an der Zahl – wegen eines Cola-Rests in einer PET-Flasche "via Molekülfunkt" vom Chef gerufen werden. Statt "Augen zu und durch" lautet die Parole: "Mit de Zängeli abe und dure." Es geht hier, das wird rasch klar, um Allzumenschliches, Allzuschweizerisches, gesehen aus der Mikroperspektive. Lutz beweist sein Können als Komiker, wenn er die ach so schweizerische Mittelmässigkeit parodiert. Die Zuschauer werden Zeugen von Handygesprächen: Jolanda, der er Berner Dialekt verleiht, bespricht mit Kimberley den Ablauf des Esoterik-Wochenendes: Auf dem Programm sind Duftkerzenziehen und "indisch Kochen ohne Fleisch und ohne Pflanzen, nur mit Gewürzen." Köstlich! Dann wird wieder auf die Ameisenwelt "gezoomt"; auch hier gibt es Tourismus: "Wir reisen jeweils auf den Sandstein", sagt Lutz' Ameise. Um dorthin zu gelangen, müssen die Ameisen vorbei an der Fritteusenök-Pfütze. Und so sitzen die Zuschauer bald in der die Ölpfütze verursachenden Landbeiz, wo René und Eveline mehr schlecht als recht wirten. Sie machen daher in der "Buhmann"-Sendung mit, in der konkursgefährdete Gasthöfe mithilfe eines Gault-Millau-Kochs aufgemöbelt werden. Die Tragikomik der Situation wird trefflich dargestellt, der Gourmetkoch genauso persifliert wie der gronschlächtige Wirt. Bei Lutz und Guggisberg kriegt jeder sein Fett ab – auf respektvolle Art. Denn beide wissen: Auch sie gehören zu den Durchschnittsschweizern.

Die Südostschweiz

Ein Abend mit Lutz&Guggisberg ist kein gewöhnliches Theatererlebnis. Die beiden Künstler und Performer führen am Theater Neumarkt kein Stück auf, sondern eine Vielzahl von Dramen und Komödien im Rohzustand. Was oberflächlich einer Nummernrevue gleicht, formt sich unterschwellig zu einem kleinen absurden Welttheater. Wie der Titel verheisst, kommen darin auch Ameisen vor. Andres Lutz sondiert mit feinsten Detektoren eine Welt unter seinem Wahrnehmungshorizont. Ameisen sind auf dem Weg zu einer komplexen Aktion. Sie bergen Cola-Reste aus einer herumliegenden PET-Flasche. Eine logistische Höchstleistung, wenn man es recht besieht. Doch auf dem Radar ihres "Molekularfunks" droht eine rosarote Fleischmasse, ein "Naturereignis höherer Gewalt": der Mensch. Wie kein zweites Wesen versteht er zu telefonieren. Lutz veranschaulicht es in einem brillanten Nonsens-Remix von Gesprächsextrakten. Lutz ist das Bühnentier. Er schwadroniert und flunkert in vielen Idiomen, flatterig und fahrig bringt er die karg ausgestattete Szenerie in Aufruhr. Lutz spielt keine Schau, sondern steht leinhaftig unter Bühnenstrom. Er braucht zu Beginn ein paar Atemzüge, um auf Betriebstemperatur zu kommen, dan sprudelt er förmlich über. Den ruhigen Gegenpol bildet Anders Guggisberg. Souverän begleitet er die irrwitzigen Erzählungen aus dem Hintergrund mit Musik und Ambient-Sounds. Der präzis gesetzte Klangteppich illuminiert die Performance und steigert sich zwischendurch zum Geheul. Guggisberg spielt Synthesizer, Gitarre, Posaunen und bisweilen bringt er das Hackbrett mit einem Pingpongball zum Klingen. [...] Was auf den ersten Blick rätselhaft wirkt, gewinnt bei genauer Betrachtung an unsäglicher Schlüssigkeit. Lutz&Guggisberg inszenieren keine Illusionen. Ihre Performance mit Hang zu Comedy und Slapstick demonstriert die Lachthaftigkeit von vertrauten, gewohnten Situationen. An dieser Schnittstelle des Lachens schmuggeln sie ihre Botschaft in die Köpfe der Zuschauer: Der Mensch: Ein Weltgenie und zugleich ein närrischer Tropf. Ob das Sinn macht? Was heisst denn hier Sinn – Verstehen ist alles.

Der Landbote

Über die geheimen Wanderungen der See-Elefanten haben Lutz&Guggisberg schon ein Buch gemacht. Mit dem Buchfink – Verbreitung, Brut, Pflege – haben sie sich auch schon beschäftigt. Und Cooking with Elvis gehörte ebenso zu ihrem Programm wie auch Hundehalskrausen, Harnische und Mitren. Nun schlägt das Künstlerduo, das landauf, landab Museen mit Objekten aller Art bespielt, ein neues Kapitel auf in ihrem Buch der Welt, es heisst "Ameisenreisen". Und das ist ein bunter, sehr schöner Abend im Theater Neumarkt. Nun, mit Ameisen hat dieses Theater so viel zu tun wie das Buch mit See-Elefanten. Lutz&Guggisberg spielen nur mit den Gegenständen, und mit der Zeit kommt alles, was vorher so seine Ordnung hatte, recht durcheinander. In Ameisen ist viel Mensch drin. Anders Guggisberg und Andres Lutz haben selber die Fühler, das Leben draussen einzufangen, mit all den Geräuschen und Nebengeräuschen, die in dieser Welt sind. Sie sind Detektoren, auf Deutsch: Offenbarer. Und manchmal werfen sie uns den Schrott, der sich auf dem Haufen der Weltgeschichte angesammelt hat, einfach an den Kopf.

Premiere:

Sa 17.12.2011 - 20.00