Biografie: Ein Spiel

von Max Frisch

Max Frisch spielt bis ans bittere Ende durch, was sich jeder schon gewünscht hat: Könnte ich noch einmal von vorn anfangen. Die Hauptfigur Kürmann bekommt diese Chance, aber die neue Freiheit, seine Biografie abzuändern, erweist sich als problematisch. Zu verstrickt ist Kürmann in falschen Vorstellungen, die er für authentische Erinnerungen hält. „Biografie: Ein Spiel” untersucht unseren Zwang, immer dieselben Fehler zu wiederholen, und erforscht Auswege.

„Ich weigere mich nur, dass wir allem, was einmal geschehen ist – weil es geschehen ist, weil es Geschichte geworden ist und somit unwiderruflich –, einen Sinn unterstellen, der ihm nicht zukommt.” (Max Frisch)

Barbara Webers Neuinszenierung schält das Stück aus seinem lehrstückartigen Korsett und verändert seine Atmosphäre. Kürmann taucht ein in seine Vergangenheit wie in einen vergessenen Film. Desorientiert findet er sich wieder an den Schaltstellen seines Lebens. Alles gerät noch einmal in die Schwebe und tatsächlich scheint für Augenblicke alles möglich. Aber zusehends zerfällt die viel versprechende Biografie in kleinteilige wiederkehrende Muster. Alternativen eines neuen, anderen und schöneren Lebens leuchten kurz auf, bleiben aber ungreifbar und fremd.

Süddeutsche Zeitung

Wir alle, schreibt Milan Kundera in seinem Roman "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins", gleichen Schauspielern, die auf die Bühne kommen, ohne vorher geprobt zu haben. "Was aber kann das Leben wert sein, wenn die erste Probe für das Leben schon das Leben selbst ist?" Frisch erfüllt sich stellvertretend diesen Wunsch, das Leben gründlicher einzustudieren. Unter der Anleitung eines "Registrators" darf Hannes Kürmann, der Verhaltensforscher in "Biografie: Ein Spiel", auf dem Zeitstrahl zurückreisen, um seinem Leben eine andere Wendung zu geben. Nur um dabei festzustellen, dass es doch immer wieder das gleiche Leben wird. Die blosse Kasuistik dieses Erfüllungszwangs wäre jedoch für sich allein dramaturgisch unergiebig. Dass der Frau im Stück die Emanzipation von der eigenen Lebensgeschichte, an der sich ihr Mann vergeblich versucht, prompt gelingt, ist denn auch die überraschende Schlusspointe. Sie legt ebenso wie die heimtückischen Zwischenfälle, die sich gegen Kürmann, den Verhaltensforscher, der in eigener Sache so kläglich versagt, verschworen zu haben scheinen, den Verdacht nahe, dass es Frisch weniger um ein stringentes Denkspiel ging als vielmehr um eine Abrechnung mit seinem Leben als Mann. Spielbar ist diese dramatische Versuchsanordnung eigentlich nur als steile Farce. Barbara Weber hat sich jedoch für einen anderen Weg entschieden: Ihre Inszenierung ist von höchst irritierender Dezenz. Sie überträgt das Motiv der Zeitreise auf ihre eigene Inszenierung. Wenn das Licht in der winzigen Spielstätte in der Zürcher Chorgasse erlischt, fühlt man sich zurückversetzt in ein Kellertheater der sechziger Jahre. Spielweise und Retro-Design machen diese Rückblende suggestiv. Cool Jazz erklingt von einem Tonband, auf der Liege aus genopptem schwarzem Leder räkelt sich Antoinette im Cocktailkleid, und Alicia Aumüllers Lächeln ist so kalt wie die klirrenden Eiswürfel im schweren Whisky-Tumbler. Bis ins perfekte Detail beschwört die Aufführung die Sixties als eine Epoche, in der das intellektuelle Party-Girl bei Adorno doktoriert, marxistische Kybernetiker hochrangige Professuren bekleiden und nukleare Bestrahlung noch eine Therapie war. Und dass hier Antoinette die dominante Figur ist, ein kettenrauchender und beim Engtanz die brennende Zigarette in Kürmanns Mund schiebender maliziöser Vamp mit Nana-Mouskouri-Brille, der diesen Schwächling mit infernalischer Harmlosigkeit zur Strecke bringt, ist die geniale Entsublimierung der Aufführung, einer kleinen, wunderbar gemeinen Nichtigkeit. Es ist eine ganz brave Böse-Mädchen-Inszenierung. Barbara Weber macht aus Antoinette einen Racheengel von sündigster Unschuld – und entlarvt so Frischs verbrämte Männerphantasien. Sie sagt: Du gibst der Frau im Stück nur deshalb Recht, weil du dich dadurch noch einmal über sie erheben kannst. Indem du als Autor die Frau auf der Bühne triumphieren lässt, hast du sie als Mann wieder besiegt. Aber erst, wenn eine Frau nicht mehr gut und edel sein muss, sind die Machtverhältnisse egalisiert. Wie Barbara Weber dies inszeniert, so scheinbar arglos, das ist die Sensation dieses Abends, der nur sechzig Minuten dauert. Die Regisseurin ändert kein einziges Wort am Text – und doch das ganze Stück. Ihre Inszenierung ist eine raffinierte Fälschung. Eine hinreissende Infamie im Gewand der Texttreue. So hat der Abend nicht nur wegen des versteckten Spielorts etwas Konspiratives: Eine schöne Theaterverschwörung gegen den Mainstream könnte sich da in Zürich vorbereiten.

Neue Zürcher Zeitung

Konsequent auf ein Kammerspiel reduziert präsentieren Barbara Weber (Regie) und Ralf Fiedler (Dramaturgie) das Frisch-Stück im Chorgasse-Raum des Theater Neumarkt. Die drei Schauspieler verkörpern alle Haupt- und Nebenrollen – eine Engführung, die einer Neubearbeitung von Frisch aus den 1980er Jahren nahekommt, in der er die verschiedenen Nebenrollen von einem Assistentenpaar markieren liess. Präzis und konzentriert ist das Spiel des Trios auf der Bühne; die knapp siebzig Minuten sind ein wahrer Genuss, der auch die Enge in dem kleinen Raum völlig vergessen lässt. Sigi Terpoorten verleiht Kürmann eine zunehmende Verletzlichkeit, die um ihn bangen macht, Jörg Koslowsky und Alicia Aumüller erweisen sich in ihren zahlreichen Rollen – Registrator, Professor und Arzt beziehungsweise Antoinette, Helen, tänzelnde Ballettschülerin im rosa "Schwanensee"-Tütü und souveräne Krankenschwester – als grosse Verwandlungskünslter. Witzig ist dieser Abend auch immer wieder, wenn etwa Koslowsky als ratgebender Arzt eine kleine sprachliche Slapstick-Nummer hinlegt. Und mindestens ebenso fasziniert wie Antoinette auf die Wiederkehr der Melodie wartet man auf den Running Gag: die Fahrt des Lifts, mit dem die Figuren in die Tiefe zu fahren scheinen. So können Wiederholungen auch ihr Gutes haben. Diese Inszenierung jedenfalls möchte man sich gerne gerade noch einmal ansehen.

Tages-Anzeiger

Weber und ihr Top-Ensemble entdecken Rafinesse und Humor des Stücks. Wie Frisch mit Boulevard- und Krimi-Elementen spielt und immer neu das durchsichtige Planspiel verwirrt. Jörg Koslowsky macht aus dem Registrator keinen allmächtigen Regisseur, sondern eher einen Partner, der auf Du ist mit seinem Probanden. Wenn sie nebeneinander stehen, beide in weissen Hemden und grauer Hose, kann man den Registrator für Kürmanns Alter Ego halten. Wie immer bei Frisch mündet die Metaphysik ins Ehedrama. Kürmann sitzt allein am Frühstückstisch, nervös, geladen. Antoinette, die nachts wegblieb, huscht lächelnd herein. Frisch legt die Lunte mit wissender Komik, Alicia Aumüller und Sigi Terpoorten explodieren prächtig. Aber das letzte Wort ist nicht Scheidung, nicht einmal Tod. Den letzten Spielzug hat Antoinette. Sie verschwindet in der Party-Nacht im Lift, den Madlaina Peer witzig in den winzigen Raum baute, und lässt den verdutzten Kürmann allein zurück. Max Frisch als Feminist. Auch das ist 1968.

St. Galler Tagblatt

Frischs Stück vermochte in den 1960er-Jahren als intellektuelle Fingerübung zu begeistern. Inzwischen gilt es als eher kopflastig und papieren. Dies zu widerlegen, gelingt Regisseurin Barbara Weber im kleinen Raum der Chorgasse 5 mit Bravour. Sie entschlackt Frischs Text und reduziert das Personal. Alicia Aumüller, Sigi Terpoorten als Kürmann sowie Jörg Koslowsky entwickeln ein fein abgestimmtes, nuancenreiches, jede Minute packendes Zusammenspiel.

Die nächsten Aufführungen dieser Produktion:

Mi 12.06.2013 - 20.00

Fr 14.06.2013 - 20.00

Sa 15.06.2013 - 20.00

Stückblatt als PDF

Dauer: 0h 70m