Elternabend

Mike Müller migriert in die Schule

von Mike Müller, Tobi Müller, Rafael Sanchez

„Elternabend" ist eine Reise in die Schule. Konkret: in den Kreis 3 von Zürich. Mike Müller hat dort recherchiert, wo die Stadt noch nicht so genau weiss, wer sie in Zukunft sein möchte. Zwischen Zentral- und Ämtlerstrasse erscheint das Strassenbild schön gemischt. Migranten leben neben Kreativen neben Gutverdienern. In der Schule, diesem gesellschaftlichen Fiebermesser, erhitzt sich die bunte Vielheit aber auch mal zu weniger dekorativen Mustern. Wo sind die Schweizer Kinder? Alle an den See gezogen? Wer integriert sich wohin? Und was heisst das überhaupt: Integration?
 
Die Gespräche mit Lehrern, Politikerinnen, Eltern und Kindern haben wir zu Texten geformt, welche das Leben in der Interkultur kenntlich machen. Wir wollen hinschauen, wie Schule geht an einem Ort, der noch nicht in die eine oder in die andere soziale Richtung abgedriftet ist. Aber „Elternabend" ist mehr als eine Reportage. Mike Müller spielt jeden Text selbst. Ein Solo. Das Thema muss das alles aushalten: Parodie, Kunst, Spiel. Verletzungen sind nicht ausgeschlossen. Spass auch nicht ganz.

Tages-Anzeiger

Die rund 30 Interviews, die Mike Müller und sein Bruder und Dramaturg Tobi Müller [...] im Umfeld des Schulhauses geführt haben, bringen nun aber keine Übersicht in die Integrationsdebatte, und schon gar keine entspannenden Meinungen. Im Gegenteil und viel besser: Die entwaffnende Unübersichtlichkeit der Realität, an der politische Parolen ein ums andere Mal abprallen müssen, verdichtet sich in einer kurzweiligen Stunde; und das Publikum hört einem tamilischen Schüler zu, der sagt, er könne nie in Sri Lanka leben, da gebe es zu viele Tamilen. Auf Grossleinwand verweist der von Rafael Sanchez inszenierte Abend zwar immer wieder auf seinen reportagehaften Charakter, und doch ist er nicht einfach dokumentarisch. Er wird sozusagen scharf gestellt durch die präzise, oft auch hinterwitzige Montage der Originaltöne (die verschiedene Interviews auch schon mal in einer einzelnen Figur zusammenzieht). Aber auch durch diesen einzelnen, tollen Schauspieler, der mit virtuoser Leichtigkeit von Rolle zu Rolle springt, vom 16-jährigen Hip-Hop-Girlie zum besorgten Schulpsychologen und weiter zum Integrationsesoteriker - und der dann doch jede dieser Figuren mit Wucht und Gravitas ausfüllt. Aber auch mit der Menschenfreundlichkeit, die dem Thema und dem Zusammenleben im Kreis 3 angemessen ist.

Aargauer Zeitung

Mike und Bruder Tobi Müller, Videofilmerin Elvira Isenring und Regisseur Rafael Sanchez gelingt es, mit Ernst und Komik so überraschend zu jonglieren, dass man alsbald gar nicht mehr weiss, wie viele Bälle in der Luft sind und wer sie eigentlich wirft. Grossartig, wie die Sprache, dieses Urelement des Theaters, im Zentrum des Abends steht. Ausgangsmaterial für «Elternabend» sind 30 Interviews, die einen netten Dokumentarfilm über das berüchtigte Ämtler-Schulhaus hergeben würden. Doch aus eben diesem Film macht das Quartett sechzig furiose Theaterminuten. Man will nicht nur zeigen, was Schüler, Lehrer, der Hauswart, Polizist oder der Jugendanwalt erzählen. Sondern vielmehr, wie man das auf einer Theaterbühne mit einem Einmannstück spielen kann. Dank Müllers komödiantischem Talent und Sanchez’ Verspieltheit gelingt es: Video- und Schauspielkunst vermischen sich, Bühne und Leinwand werden eins. Die Rhythmuswechsel sind atemberaubend, die Sprünge von einer Szene in die nächste virtuos. Und Mike Müllers Aktionsfantasie ist ungebremst. Man nimmt ihm den Rollentausch vom Hauswart zum Teenie-Mädchen noch und noch ab. Mimt Müller die Jugendlichen, macht er es mit viel Charme und Zurückhaltung. Bereits ein kleines. ideal betontes «meeega guet» wird zur viel belachten Pointe. Neben all der Lacher gibt es auch besinnliche Momente. Dann ist zu erfahren, warum der tamilische Junge jeden Sonntag in der reformierten Kirche betet. Nach einer Stunde geht der Besucher vergnügt heim, hat er doch trotz problembeladenen Hintergrunds einen unterhaltenden Abend erlebt. Mega gut, voll Power, Mann.

Neue Zürcher Zeitung

Es sei vorweggenommen: Dieser Elternabend ist stark - oder "voll krass, Mann". Hier werden Ausländerproblematik, Integration, Mobbing, Gewalt an Schulen ehrlich thematisiert. Hier reden jene, die es betrifft, ohne blossgestellt zu werden: Schüler, Eltern, der Schulhausabwart, Lehrer, ein Jugendanwalt und ein Polizist. Hier geht es nicht um Skandalisierung, sondern um den interkulturellen Alltag im Ämtlerschulhaus im Zürcher Kreis 3. Und der ist hart - und lustig.

Premiere:

Do 12.05.2011 - 20.00

Stückblatt als PDF

Dauer: 1h 15m