Woyzeck

nach dem Stück von Georg Büchner. Songs und Liedtexte von Tom Waits und Kathleen Brennan. Konzept von Robert Wilson. Textfassung von Ann-Christin Rommen und Wolfgang Wiens

Deutsch mit englischen Liedtexten

In einer losen Serie von surrealen Szenen erzählt Georg Büchner die düstere Geschichte des Soldaten Franz Woyzeck und seines Kampfes um das tägliche Überleben. Auf Grundlage der überlieferten Fragmente schrieb der Musiker Tom Waits mit seiner Frau, der Songtexterin Kathleen Brennan, einen gleichermassen brutalen wie mitfühlenden Soundtrack. Büchners karge, präzise Schreibweise, die abrupten, fast cineastischen Szenenwechsel und das menschliche Leid seiner Figuren spiegeln sich in Waits’ aggressiven Rhythmen und romantischen Melodien wider. 

„Woyzeck handelt von Wahnsinn und von Obsessionen, von Kindern und von Mord – alles Dinge, die uns berühren. Das Stück ist wild und geil und spannend und phantasieanregend.” (Tom Waits)

Yannis Houvardas ist künstlerischer Leiter des Griechischen Nationaltheaters in Athen und wird in seiner Heimat aufgrund seiner minutiös durchchoreografierten Arbeiten respektvoll „der Deutsche” genannt. Mit der Wahl dieser aussergewöhnlichen Woyzeck-Fassung versucht Houvardas den Spagat zwischen Rockoper mit Live-Band und Kammerspiel. „Woyzeck” am Theater Neumarkt ist seine erste Inszenierung in der Schweiz.

Mit diesem Stück feierte unser Haus ein Jubiläum: Die Spielzeit 2011/12 war die 45. nach der Gründung des Neumarkt als Ensembletheater im Jahr 1966.

 

 

NZZ am Sonntag

Jetzt hat die Einsamkeit einen Namen: Yannis Houvardas, der griechische Theaterregisseur, der unser Existenzempfinden mit grösstmöglichem Stilgefühl und kleinstmöglicher Kunstanstrengung, man weiss nicht wie, luftleicht auf die Bühne tupft. Am Freitag feierte am Zürcher Neumarkttheater Houvardas' erste Inszenierung in der Schweiz, Georg Büchners Drama "Woyzeck", Premiere. Und das Ergebnis epochal zu nennen, ist keinen Halbton zu hoch gelobt. "Woyzeck", zwei Dutzend winzige Szenen, die ein Blitzlichtgewitter auf einen verlorenen Menschen werfen, bei Büchner ein preussischer Soldat (Malte Sundermann). Von seinem Hauptmann (Heiko Raulin) sekkiert, vom Doktor (Jonas Gygax) traktiert, von seinem Freund (Alexander Seibt) allein gelassen, tötet er am Ende das Einzige, was ihm lieb ist, Marie (Katarina Schröter). Die Mutter seines Kindes hat sich für glänzendes Gold dem geilen Tambourmajor (Jakob Leo Stark) verkauft. [...] Neu gelesen von Houvardas, dem Leiter des Griechischen Nationaltheaters, ist das Ereignis eine existenzialistische Flaschenpost. Jeder Mensch ist ein Abgrund, gefangen in seiner düsteren Isolation und eingesperrt in die Enge einer abgeschabten Bar (Bühne: Michel Schaltenbrand). In diesem glasklaren Gefängnis erzählt man sich, mit jedem Schnaps nüchterner werdend, nach, was einmal war: Büchners Drama nach dem Konzept von Robert Wilson und mit Songs von Tom Waits und Kathleen Brennan. Und diese Vorgabe ist, nein wäre: eine Sättigungsbeilage als Oper des publikumswirksamen Dreiklangs Waits, Wilson, Woyzeck - wenn sie nicht Yannis Houvardas in die Finger bekäme. Denn der macht daraus eine radikale griechische Theaterdiät und eine Tragödie der Heimatlosen aller Länder. Houvardas auf eine Formel gebracht? Das ist das Beste von Robert Wilson, ein strenger Formalismus, doch in die Tiefe gedacht, potenziert mit dem Hintergründigsten von Tom Waits, eine verinnerlichte Form seiner seifenschaumigen Balladen. Doch das Verwegenste des Coups ist: Houvardas legt sein Schwergewicht nicht auf das vermeintliche Kerngeschäft Büchners, auf dessen Sprache, sondern er kreiert mittels Musik als Verlängerung des Textes Beziehungswüsten und Seelenfriedhöfe aus nichts als satt gefüllten, endlos kurzen Pausen. [...] Dass das Ensemble unter diesen Prämissen an seine Grenzen stösst, ist das zweite Geschenk, das Houvardas dem Theater macht. Denn ohne Ensemble ist dieses Haus weniger als die Hälfte. Es ist zum Beispiel der Ensemblespieler Alexander Seibt, der seine Karikatur eines menschlichen Aschenbechers in heftigst alkoholisiertem Zustand zu einem der Höhepunkte des Abends macht. Ein Höhepunkt der leichten Art, versteht sich. Schwerer und schwerwiegender Natur ist alles, was Houvardas behauptet: ein neues politisches Theater, das jenseits des postdramatischen Schauspiels an das Drama glaubt als eine hochpoetische und hochmoralische Anstalt.

nachtkritik.de

An diesem Abend machen sie alles richtig, alle. Die schäbige Bühne mit ihrem Einheitsschummerlicht erzeugt eine Klaustrophobie, in der einem das halblaute Gestammel der Figuren ungemein nahe kommt, und die Schauspieler lassen sich mit begeisternder Präzision und Konsequenz darauf ein. Nur in den Tanzszenen werden sie grob und poltern in groteskem Pogo durch ihr Schnapsverlies. So sehr, dass sie sich bald im Paartanz aneinander lehnen müssen, um nicht schon zu diesem Zeitpunkt umzufallen. Es ist ein himmeltrauriges Bild, das von der Band so behutsam wie möglich begleitet wird. Wie oft hat man diesen "Woyzeck" als Tom-Waits-Travestie gesehen, als kolossal röhrende Freakshow: Hier nun vertraut die Regie zu Recht auf die brüchigen und beschränkten Singstimmen der Schauspieler. Es sind Stimmen, die perfekt in die schmale Lücke passen zwischen dem Mund und einer Schnapsflasche.

Tages-Anzeiger

Was ist trauriger als ein todtrauriges Kind? Ein todtrauriges altes Kind. So eins wie Tabea Bettins kleines Mädchen in der "Woyzeck"-Inszenierung von Yannis Houvardas im Theater Neumarkt. Da steht sie, die Göre, in einer viel zu grossen Windjacke von der Winterhilfe, aus der viel zu grosse Handschuhe an einem Faden herausbaumeln. Das Gesicht dreckig, die Brille unförmig, der Kragen über den Mund geklappt: Das "Hurenkind" ist so verhüllt und entstellt wie die Seelen all der anderen, die auch in der Spelunke daheim sind. Trockeneisnebel wabert dort über wackligen Tischchen, kriecht an schimmligen Wänden empor, hängt über den Köpfen der Säufer wie ein unheiliger Heiligenschein und ballt sich vor dem Hinterzimmer, wo Marie, Woyzecks Liebste, mit ihrer Tochter haust (für die Bühne aus altersschwachen Requisiten zeichnet Michel Schaltenbrand). Das flackernde Licht der Neonlampen dringt kaum durch, und in der Düsternis der Kneipe, im Dunkel des Lebens jaulen alle: "If there's one thing you can say about mankind: There's nothing kind about man. Misery is the river of the world, everybody row." Sie rudern und rudern, aber das Boot hat von Anfang an ein Leck; es geht unausweichlich unter mit Mann und Maus, mit Frau und Kind. Das ist der Tenor der Geschichte vom einfachen Soldaten Franz Woyzeck, die der 1837 in Zürich gestorbene Georg Büchner in seinem letzten, Fragment gebliebenen Drama erzählt. Das ist der Sound der Rockoper, des "Art Musicals" (Wilson), das Tom Waits, Kathleen Brennan und Robert Wilson aus Büchners Fragment entwickelt haben. Und das ist der Klang, der den ganzen, fast zweistündigen Abend im Neumarkt durchdringt. Auch dann, wenn es ziemlich still ist. Und das ist es ziemlich oft. Denn Houvardas stopft die Lecks im Boot nicht; er lässt die Leere im Leben der Büchner-Figuren gähnen, bis sie selbst das Publikum quält. Da ist nichts, was weiter-, was aufwärtsträgt, nichts, was die Verlorenheit auch nur zukleistert. Wie Leichen liegen die Menschen mal auf, mal unter den Tischen, versoffen, abgesoffen - auch die schöne Marie, ja, sogar das Kind. Vom Musical-Charakter der Kopenhagener Uraufführung (2000) ist wenig übrig, wenn Katarina Schröters Marie mit heiserer, beinah brechender Stimme das Schlaflied für ihre kaputte Kleine singt: vom fernen Papa, von der flüchtigen Welt, in der man nichts, gar nichts jemals behalten kann. Marie behält bekanntlich nicht einmal ihr Leben. Woyzeck schlitzt ihr die Kehle auf - und erstickt so sein letztes Fünkchen Selbstachtung und Hoffnung. Vom Arzt (Jonas Gygax) als Versuchskaninchen missbraucht, vom Hauptmann (Heiko Raulin) gepeinigt, der bei ihm Zweifel an seiner Liebsten sät, gehörnt von einem Kameraden (Jakob Stark) und in den Wahnsinn getrieben von der Armut und der Gemeinheit allüberall, weiss er sich nicht zu helfen. Wie Malte Sundermanns Titelheld grimassiert, wie er zittert und zappelt, sich von Zipperlein zu Zwangshandlung steigert, hat Rhythmus. Wir glauben sofort, dass der Spitzname des Regisseurs, der als Direktor des Nationaltheaters Griechenland in Athen amtet, "der Deutsche" lautet. Es ist, als schriebe er eine hochpräzise Partitur der Erniedrigung. Kein Muselzucken ist verfehlt, kein Satz zu viel. Die Stille hört sich nach Grab an, das Lachen nach Mord, das Sprechen nach Kampfansage oder Kapitulation und das Singen nach Schreien oder Weinen. Zum Jubeln. Und die tolle Liveband rund um Knut Jensen reisst die Töne an und auf (manchmal mit einem Sägeblatt), als wären sie Notenpapier. Da scheppern schiefe Trinker-, seufzen raue Raucherstimmen, die Tänze sehen kruder aus als jede Party-Polka. Und trampeln sie nicht, die gottverlassenen Gestalten, dann leben sie ihre Triebe sonst wie wüst aus. Der Doktor wedelt mit Geldscheinen, Woyzecks Rivale mit seinem Gemächt, der Hauptmann mit seiner Pistole und die abgebrühte Wirtin (Charlotte Schwab) mit der Schnapsflasche. Lebende Tote wanken über die Bühne; trittsicher ist allein der Rhythmus, in dem man auf dem Fluss namens Elend rudert. Subtil ist anders, süffig ebenso. Die Gesellschaftskritk des Vormärzdichters hat hier die Form eines plakativen Antimärchens, einer Parabel auf die krisengeschüttelte Gegenwart. Aber noch nie gab's den waitsschen "Woyzeck" so karg und so qualvoll konsequent wie hier - bis hin zum fantastisch verratzten Finale mit der Fabel vom verfaulten Mond, fugisch vorgetragen von der hundeschnauzekalten Alten und dem todtraurigen Kind. Heisser, froher Applaus.

Neue Zürcher Zeitung

Malte Sundermann gibt einen überzeugenden Underdog, ein Nervenbündel mit Augenringen, rastlos und ausgezehrt. Er sagt nicht viel, doch sein Körper, die fahrigen Gesten und der verlorene Blick sprechen Bände.

Basler Zeitung

Katarina Schröters Marie ist das Beste, was der Inszenierung passieren konnte. Eine Lumpenprinzessin mit rauer Schale und filzigem Haar. Und sie kann wirklich singen. Nur für den wirren Woyzeck, für den findet sie kein Lächeln mehr. Der Tambourmajor schenkt ihr Ohrringe und greift zu. Sie lässt zugreifen. Erst als dieser bullige Saufbruder Woyzeck verprügelt, als Besinnungslosigkeit um sich greift, entwickelt Marie tragische Grösse. Sie steckt dem Tambour die Klunker ins Schnapsglas, lehnt sich an Woyzecks Schulter. Auch sie täuscht sich in ihm, wie der Hauptmann.

kulturkritik.ch

Doch wie auch immer die Figuren dargestellt werden, in Houvardas Woyzeck gibt es keine Gewinner, denn schlussendlich fallen alle Figuren tief und landen auf der harten, kahlen Erde. Woyzeck im Theater Neumarkt überzeugt mit detailreichen, stimmungsvollen Bildern und berührenden musikalischen Einlagen.

Premiere:

Fr 09.03.2012 - 20.00

Stückblatt als PDF

Dauer: 1h 45m