Ein Sommernachtstraum

von William Shakespeare

Lysander liebt Hermia. Hermia liebt Lysander, soll aber Demetrius heiraten. Dabei liebt doch Helena Demetrius. „The course of true love never did run smooth.” Statt diese Athener Seifenoper auszukosten, führt Shakespeare seine Liebespaare auf Abwege. Im nächtlichen Wald, jenseits der Zivilisation und unterstützt durch mythische Substanzen wird Liebe zum Rausch, an die Stelle der Konvention tritt die völlige Entgrenzung. Im Mondlicht verschwimmen Konturen, Trugbilder steigen auf – ein bisschen wie im Theater: die Nacht als Bühne. Auf dem schmalen Grat zwischen Wunsch- und Albtraum wandern Bürger Athens, kunstbeflissene Handwerker und selbst Feenkönige über Wege und Irrwege ins Dickicht ihres Begehrens. Bis das Tageslicht und drei Hochzeiten dem Spuk ein Ende bereiten. 


 

Der Sommernachtstraum ist vielleicht das meistgespielte Stück überhaupt. Von grossen Häusern über kleine Bühnen, über Sommerfestspiele zu Laien- und Schultheatergruppen: Shakespeares opulentes Festspiel ist schlichtweg eine Einladung zum „Spielen bis zum Umfallen”. Revolutionär war damals Max Reinhardts Inszenierung 1905, mit einem „echten Wald” auf der Drehbühne, der von jungen Mädchen in Schleiern und kindlichen Elfen bevölkert war. (Ein riesiger Publikumserfolg, auch wenn Karl Kraus die Inszenierung als „epochemachenden Humbug” bezeichnete). Im Anschluss daran dominierten diese fantasievollen, aber oft recht lieblichen Feenwelten die Zugriffe auf das Stück ... Possierliche Elfen, oft von Kindern dargestellt, drollige Handwerker, Puck in Strumpfhosen, prägten die Aufführungen. Erst später, mit Peter Brooks Inszenierung mit der Royal Shakespeare Company (1970) setzte sich eine andere Lesart durch: der Wald war nun nichtmehr die bunte Märchenwelt, sondern gab den Blick frei auf die dunklen Nischen, die Abgründe, das „Nachtschattige” der menschlichen Seele und Sexualität. Er wurde Ort von dunklen Begehren, dem Verdrängten, war mehr „Goya” als „David Caspar Friedrich”. Die Shakespeare-Forschung begann zu streiten, ob es der Sommernachtstraum nun das „erotischste von allen Shakespeare Stücken” sei (Jan Kott) oder ob sich „Möchtegern-Zeremonienmeister eines Sex-und-Gewalt-Kults ... wirklich besser anderswo umsehen” sollten (Harold Bloom). Und Shakespeare wäre nicht Shakespeare, wenn sein Stück nicht beides wäre: eine Feier des Menschlichen überhaupt, ein Stück Welttheater, das auch der Freude am Spiel, dem Theater selbst ein Denkmal setzt, aber auf der andren Seite auch eine Reise in die düsteren Abgründe des Begehrens. Es ist gerade die Heterogenität des Textes, die verschiedenen Welten, die er verknüpft und ineinander kippen lässt, die den Reiz des Stücks ausmachen. Da prallen Traum und Wirklichkeit aufeinander, Milieus durchdringen sich, aber auch Prinzipien treten gegeneinander an und auf. 

 

Um dieser Vielschichtigkeit gerecht zu werden moblisiert das Theater Neumarkt für diese Festspielinszenierung sämtliche Kräfte und holt Shakespeares Welttheater ins Zürcher Niederdorf. Die Direktoren, Barbara Weber und Rafael Sanchez, inszenieren gemeinsam, das gesamte Ensemble tritt auf. Und für die Handwerker rückt Unterstützung aus der Nachbarschaft an: Die Truppe um Peter Squenz wird von „echten Handwerkern” gespielt, von Menschen aus dem Zürcher Niederdorf, die das Quartier schon seit Jahrzehnten prägen und lebendig halten.

 


Im Rahmen von und ermöglicht durch die Zürcher Festspiele



 

nachtkritik.de

Wenn die Nacht einbricht im Athener Wald, blühen auf der Neumarktbühne die Geisterblumen. Einen Wald riesenhafter aufblasbarer Plastikgewächse lässt Bühnenbildner Simeon Meier im dunkel verspiegelten Saal sprießen – es ist ganz nachtschattig und zauberhaft. In so einem Wald wird man sich leicht verirren und im Liebespartner täuschen oder in den Augentropfen. [...] Shakespeares Zaubernacht bringt ja alle durcheinander: Menschen, Elfen, athenische Liebespaare. Verwirrungen, Verwechslungen, Täuschungen. Puck verwirrt die Paare, die Elfenkönigin verliebt sich in einen Esel, niemand kann mehr zwischen Traum und Realität unterscheiden. Am Ende tagt es, und die Handwerker führen zur allgemeinen Hochzeit ihr Drama auf von Pyramus und Thisbe: auf der Bühne im Theater, die hier ein Trompe-l'oeil vom Quartier draußen vor der Tür ist, eine Straßenecke am Zürcher Neumarkt, Theaterinnen und Außen verkehren sich in einem tollen Bühnenbild. [...] Die Handwerkerszenen wiederum gehören zu den Höhepunkten des insgesamt kurzweiligen Abends (woran allerdings auch der ins Laien-Trüpplein eingeschleuste Schauspieler Jakob Leo Stark großen Anteil hat, er spielt einen hinreißenden Zettel). Überhaupt läuft der Abend immer da am besten, wo auf einer eingezogenen Ebene noch mehr mitschwingt als Shakespeares Text. Wo das Making-of zelebriert wird, wo sich die Schauspielerfiguren aus disparaten Alltagswelten zur Shakespeareprobe einfinden, wo sie seine "animalische Erotik" gegen sein "Lebensgefühl" aufwiegen oder katastrophale frühere Aufführungen verhandeln (natürlich imaginärer Natur), wo sie assoziieren, kommentieren, abschweifen und sich auf Wieland und Schlegel ihre eigenen neuen Reime machen.

Neue Zürcher Zeitung

Shakespeares "Sommernachtstraum" ist ein Theater-Evergreen. Was könnte einem "Hit", in dem Liebe zum Rausch wird, näher kommen als eine Pop-Inszenierung? Genau das haben die Intendanten des "Neumarkts", Barbara und Rafael Sanchez, getan. Sie schmettern uns, um in der Pop-Musik-Sprache zu bleiben, einen eingängigen Song hin, Geschmuse und nachgeäffte Liebesschnulzen inklusive. Das Publikum wird eingelullt von der psychedelischen Sprache des Wald-Bühnenbilds (Simeon Meier), das aus aufblasbaren Plasticblumen vor einer semitransparenten Spiegelwand besteht, um dann wieder "aufzuwachen" bei Witzen eines Oberon, Theseus (Alexander Seibt) oder Lysander (Ernest Allan Hausmann). Das Duo Weber/Sanchez hat in seiner gewohnten Anti-Theater-Manier ein Anti-Stück kreiert. Die Inszenierung will weder bezaubern noch erzählerisch sein, sondern anarchisch-ungeordnet und ironisch. Und sie spielt in der ersten Szene auf Diskurse an; feministische, theatertheoretische, historische. Da reflektiert Chantal Le Moign (die später Hippolyta und Titania verkörpert) in jener ans Schultheater erinnernden Szene, in der die Darsteller überlegen, wie sie den "Sommernachtstraum" zeigen wollen, über den alten Volksglauben des Mittsommer-Wahnsinns und darüber, wie schlecht die Frauen im Stück wegkommen. Tabea Bettin, noch im Bademantel, betont die Wichtigkeit des Themas Traum und des Begehrens, das in einen endlosen Zirkel von "Übertragungen" eingeschleust wird: Lysander liebt Hermia. Hermia liebt Lysander, soll aber Demetrius heiraten. Helena liebt Demetrius, aber dieser liebt Hermia. Shakespeare schickt die Liebespaare auf Abwege – in den Wald. Was ind er Anti-Zivilisation geschieht, zeigt man – Malte Sundermanns Demetrius zählt es am Keyboard selbst auf – mit Seifenblasen, einem Haufen Anti-Helden und – natürlich – einer Handvoll Laien. Die Meta-Ebene als Anspielung auf das Theater im Theater ist hübsch, ebenso, wie von der improvisierten Sprechprobe im Verlauf fast unmerklich in eine vollendete Inszenierung übergegangen wird. Überhaupt gibt es schöne Ideen: Ein Video zeigt Petra Squenz (Katarina Schröter), welche die Handwerke und Darsteller für das Stück im Stück, "Pyramus und Thisbe", im Neumarkt-Quartier zusammensucht. "Film ab!", ruft Theseus, der den Regisseur gibt, in demselben Befehlston, mit dem er bei den Technikern Kaffee bestellt. Wir blicken in kleine Zürcher Werkstätten und Gesichter von Originalen, die mit rechthaberischem Stolz erklären, man sei am Neumarkt im "Dorf", zwischen Nieder- und Oberdorf. Rolf Willi, Grafiker aus einem Atelier an der Zähringerstrasse, meldete zunächst an, er wolle die kleinste Rolle spielen. Schliesslich mimt er Thisbe und spricht durch die Mauerritze, die von den gespreizten Fingern Felix Kaufs, dem eine Weinhandlung gehört, dargestellt wird. Eine so ungelenke "Pyramus und Thisbe"-Inszenierung hat man wohl selten gesehen, doch auch Misslingen will gekonnt dargestellt sein. Jakob Leo Stark, von dem man im Video gedacht hat, er sei ein Handwerker, mutiert auf der Bühne zum energetischen Zettel. Sein Tanz mit Titania ist amüsant, allerdings driftet diese Sequenz ins allzu Klamaukhafte und Belanglose ab. In die Tiefe hingegen geht der wunderbare Puck, in dessen Rolle die 70-jährige Dichterin und Kunstmalerin Dora Koster geschlüpft ist, die am Predigerplatz lebt. Ihr schrulliger Eigensinn und ihre Verspieltheit verleihen dem Zwischenwesen eine besondere Magie.Die Figur des Puck stellt eine Verbindung zwischen Traum und Wachsein, Realität und Trugbild dar. Er ist Poet, Verliebter und Wahnwitziger in einem. Wie Shakespeare dies Theseus sagen lässt, verbindet diese drei die Kunst der Einbildung. Bevor Puck Blumensaft in die Augen des schlafenden Lysander träufelt, sehen wir die wunderbare Szene zwischen Helena (Tabea Bettin) und Hermia (Franziska Wulf). Beide lieben Lysander, doch nur Hermia ist er zugetan. Im Dialog, in dem Helena wünscht, Schönheit wäre so ansteckend wie Krankheiten, tritt Shakespeares Sprache in ihrem Glanz hervor und hebt sich ab vom umgangssprachlichen Grundton der Inszenierung. Auch dies ein Gewinn der heterogenen Produktion.

Tages-Anzeiger

Nabelschau war nie das Ding der zwei Neumarkt-Macher, und so haben sie ihre Goodbye-Sause geöffnet für die "Gesellschaft", sprich: das Niederdorf - oder wenigstens für eine Fototapete und ein paar Repräsentanten davon: Benachbarte Handwerker und Beinah-Handwerker spielen als Laienschauspieler drei der Handwerker und Laienschauspieler, die im "Sommernachtstraum" ein Stück für die Hochzeit des Athener Fürsten Theseus einüben. Und als Puck tritt die Niederdörflerin Dora Koster auf. [...] Es ist ein kunterbunter Kinderkarneval der Stände und Paare: Die altbekannte Story vom beleidigten Elfenkönig Oberon (Seibt), der seine Frau (Chantal Le Moign) mit einem Liebeszauber verwirrt und zudem die Menschen-Amouren durcheinanderwirbelt, geht gelassen ihren Gang bis zum obligaten Happy End, derweil die Regie noch einen draufsetzt. Einen postdramatischen, peppigen Auftakt zwischen Kostümtruhen, Mikros und Zerrspiegelwänden nämlich (tolle Bühne voller Überraschungen: Simeon Meier): Da klappert Schröter mit einer Kamera die Werkstätten in der Neumarkt-Nachbarschaft nach potenziellen besagten Laienschauspielern ab (Video: Elvira Isenring); da diskutiert das Ensemble den Sinn und Unsinn einer "Sommernachtstraum"-Aufführung. Die Voten reichen von "der wichtigste Text unserer Kulturgeschichte zum Thema Träumen" über "die erotischste Komödie überhaupt" und "es geht um ein Lebensgefühl, um die Macht und Zufälligkeit der Liebe" bis hin zur Feststellung der Frauenfeindlichkeit des Dramas. Und zwischendurch fällt ein umwerfend witziger Alexander Seibt. [...] Als Seibt vorschlägt, "Wir kennen das Stück alle – überspringen wir die ersten vier Akte", hätte man beinahe applaudiert. Keine Frage: Wie etwa Wulfs liebeskranke Hermia aus einer Kleiderkiste herausexplodiert wie ein Springteufel oder wie Bettins Helena zwischen Sich-fallen-Lassen und Ihn-fallen-Lassen schwankt, als Demetrius (Sundermann) sie auf einmal vergöttert, ist grosse Komödie. Auch Ernest Hausmann als Lysander zeigt sich als Lustspiel-Könner, und der Klamauk, den Jakob Leo Starks Handwerker Zettel veranstaltet, knallt richtig rein.

NZZ am Sonntag

Es ist die letzte grosse Sommertheaterproduktion von Barbara Weber und Rafael Sanchez – und am Neumarkttheater entscheiden sich die beiden Intendanten weder für das eine noch für das andere. Eine nüchterne Feststellung. Und eine unangebrachte Feststellung, fürwahr. Denn Nüchternheit ist das Letzte in dieser Tischbombe an Phantasie, Exzess und Bühnenbild, das John Waters, den Meister des schlechten Geschmacks, die Neidtränen in die Augen treiben muss. Wenn sich das Stück samt seinen Darstellern im Zauberwald verliert, dann explodiert hier chinesische Plastic-Orgiastik in Form riesenhafter, aufblasbarer Blumen. Wenn das Narzissen sind, dann heissen sie auf der Bühne von Simeon Meier Narzissen. Schönheit kann schrecklich sein, wenn sie ihr Mass verliert. In Zürich kippt sie von der Tragödie in die Komödie und wieder zurück, kippt mit dem Stoff, dem gesamten Personal und dem Identitäts-Rätselraten. Barbara Webers Hangzur szenischen Extravaganz ist bekannt; hier aber ist sie herrlich altmodisch. Ihr diskursives Theaterverständnis ist durchlässig geworden, und die Ironie ist Ernsthaftigkeit gewichen. Zwar sind ihre Theatermittel Pop-as-Pop-can, doch das Pop-up-Bühnenbild toppt ohnehin jede Regieanstrengung. Rafael Sanchez' Textgenauigkeit ist schlagender als früher, auch wenn keiner – auch nicht Alexander Seibt und Chantal Le Moign in tragenden Rollen als (Elfen-)König und Königin – eine Chance hat, eine Figur zu entwickeln. Doch in diesem entscheidenden Punkt nimmt dieser "Sommernachtstraum" Shakespeare bei seiner DNA: Er zeigt dem Shakespeare seinen Willi. Shakespeare als der Lümmel aus einem Drecksnest, William aus dem Milieu. Die Idee ist naheliegend, wortwörtlich. Dieser "Sommernachtstraum" rekrutierte Darsteller aus der Umgebung des Theaters, dort also, wo man Zürich "das Dorf" nennt. Das ist der Bezirk rechts der Limmat zwischen dem Oberdorf und dem Niederdorf, das sind die Gassen um den Neumarkt. Hier wohnen, arbeiten und treten also auf: real existierende Handwerker für die Handwerkerszene, in der die "Rüpel" ihr Theaterstück vor dem König aufführen. Männer, die einen Mond spielen, eine Tür und das Astloch dortselbst, durch die zwei Liebende heimlich Schwüre austauschen. Mit diesen Figuren sind wir mitten bei Shakespeare in James Burbages Theatre, wie damals dicht benachbart den Kneipen und Bordellen. Auf der Bühne spielt das Milieu und mischen sich die Milieus, der Hof und der Hinterhof. Es herrscht der nackte Wahnsinn, wenn Laiendarsteller improvisieren, deklamieren, wenn echte Profis (der "Esel" von Jakob Leo Stark ist ein Husarenstück) falsches Pathos spucken und ehrliche Dilettanten die trügerischen Schauspieler in den Senkel stellen. Hier nun sind die Falschen echt – in jedem falschen Satz. Echt unterhaltend. Wie damals im Globe-Theater soll keiner hier "Kunst" erwarten.

Premiere:

Do 14.06.2012 - 20.00
Ausverkauft

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Dauer: 3h 0m