Wilhelm Tell

von Jens Rachut

Uraufführung

Wir schreiben das Jahr 2291. Ganz Europa liegt wirtschaftlich brach. Die Umwelt ist zerstört. Ein Superorganismus, angeführt von den Deutschen, versucht sich als Retter und landet in der Schweiz. Mit seltsamen Methoden wird das Land langsam von giftigem Schlamm befreit. Die Umstellung fällt schwer. Man ist es nicht gewohnt, Befehle erteilt zu bekommen – schon gar nicht die Familie Tell. Wer steckt dahinter? Lauert die Realität vielleicht schon am Badischen Bahnhof in Basel und verschenkt Luftballons, die nicht platzen? Oder ist es doch nur fiktive Unterhaltung, damit man lachender dem Ende seiner Tage begegnen kann?

Premiere am 28. September 2012, Saal


"Keine Anmeldung erforderlich:"
Um zu erklären, warum wir keinen Besuch aus der Zukunft erhalten, könnte man unter anderem darauf verweisen, dass die Vergangenheit festgelegt ist, denn wir haben sie beobachtet und in ihr keine Spur von jenen Verwerfungen erkennen können, die erforderlich wären, um eine Reise zurück au der Zukunft zu ermöglichen. Andererseits ist die Zukunft unbekannt und offen, so dass sie durchaus die erforderliche Krümmung enthalten könnte. Dann wäre jede Zeitreise auf die Zukunft beschränkt. Das würde die Erklärung dafür bieten, warum wir noch nicht von Touristen aus der Zukunft überlaufen werden, es würde allerdings nicht die Probleme beseitigen, die die Vorstellung aufwirft, Menschen könnten in der Lage sein, in die Vergangenheit zu reisen und die Geschichte zu verändern. Nehmen Sie beispielsweise an, Sie gingen zurück und brächten Ihren Ururgrossvater zur Strecke, als er noch ein Kind war. Es gibt viele Spielarten dieses Paradoxons, im wesentlichen aber gleichen sie sich alle: Man würde auf Widersprüche stossen, wenn man die Möglichkeit hätte, die Vergangenheit zu ändern. Für die Paradoxa der Zeitreise scheint es zwei Lösungsansätze zu geben:

Den einen nenne ich den Ansatz der konsistenten Geschichten. Danach muss das, was in der Raumzeit geschieht, auch wenn diese derart gekrümmt ist, dass Zeitreisen in die Vergangenheit möglich sein, mit den Naturgesetzen zu vereinbaren sein. So gesehen könnten Sie nicht in der Zeit zurückreisen, es sein denn, die Geschichte zeigte, dass Sie bereits in der Vergangenheit waren und bei Ihrem Aufenthalt dort nicht Ihren Ururgrossvater umgebracht oder irgendwelche anderen Handlungen vollzogen haben, die zu Ihrer jetzigen Situation in der Gegenwart in Widerspruch stehen. Mehr noch  – gingen Sie zurück, wären Sie nicht in der Lage, die überlieferte Geschichte zu verändern. Ihnen stünde also nicht frei zu tun, wozu Sie Lust hätten. Natürlich könnte man einwenden, dass die Willensfreiheit sowieso eine Illusion ist. Wenn es wirklich eine vollständige vereinheitlichte Theorie gibt, die alles festlegt, dann bestimmt sie vermutlich auch unser Handeln. Doch das geschieht in einer Weise, die sich bei einem Organismus, der so kompliziert wie der Mensch ist, beim besten Willen nicht berechnen lässt. Von der Willensfreiheit des Menschen sprechen wir nur, weil wir nicht vorhersagen können, was er tut. Doch wenn er sich in ein Raumschiff setzt, ins All fliegt und zurückkommt, bevor er aufgebrochen ist, dann werden wir durchaus vorhersagen können, war er tun wird, weil sein Handeln Teil der überlieferten Geschichte ist. In dieser Situation hätte der Zeitreisende also keine Willensfreiheit mehr. 

Die andere Möglichkeit, die Paradoxa der Zeitreise aufzulösen, könnte als Hypothese der alternativen Geschichten bezeichnet werden. Ihr liegt die Überlegung zugrunde, dass Zeitreisende bei ihrem Eintritt in die Vergangenheit in alternative Geschichten geraten, die sich von der überlieferten Geschichte unterscheiden. So können sie frei handeln, ohne dem Zwang der Konsistenz mit ihrer bisherigen Geschichte unterworfen zu sein. 

Sollten Sie aus einer Zukunft stammen, in der Zeitreisen in die Vergangenheit möglich sind, möchte ich Sie herzlich zu einem Empfang einladen: 

Die offizielle Party für Zeitreisende fand am 28. Juni 2009 um 12 Uhr an der Trinity Street in Cambridge (52° 12‘ 21“ Nord, 0° 7‘ 4.7“ Ost) statt. Keine Anmeldung erforderlich.

"Keine Anmeldung erforderlich" aus: Stephen Hawking, Eine kurze Geschichte der Zeit


 

Fotos © by Heta Multanen 

DRS 2

Autor Jens Rachut nimmt den Tell-Stoff zum Anlass, eine ganze Reihe von Traumata postkathartisch, also aus dem 22. Jahrundert rückwärts, zu zerfleddern. Das Trauma der ausgebeuteten Erde, das des Sohnes, auf den der Vater zielte, das ewige Trauma der kleinen Schweiz und seinem grossen Nachbarn und das auch durch exzessives Persiflieren nicht aus der Welt zu schaffende Trauma der Nazi-Zeit. All das zusammen ergibt keine helvetische Befindlichkeitsanalyse, sondern vielmehr einen enthemmten Geschichts-Rundum-Entledigungs-Akt. Regisseur Rafael Sanchez setzt dem teils lust-, teils qualvollen, da komplett überfrachteten Text noch eins oben drauf. Er schickt ein gegen Spieltollwut ungeimpftes Ensemble auf die Bühne, das er punktgenau mit Heta Multanens Videos orchestriert, so dass einem die Augen wackeln vor Bilderflut.

NZZ

Dass Rachut und Sanchez ihren Schiller gelesen haben, wird durch geschickte Referenzen in einem sonst kaum auf Werktreue gebürsteten "Tell" deutlich. Man befindet sich hundert Jahre in der Zukunft, und im Jahr 2112 hat die Schweiz andere Probleme als das Steuerabkommen. Die Deutschen sind in ganz Europa, wieder einmal, zu Besatzern geworden - nur haben sie es diesmal unblutig angestellt und die nach einem Börsencrash über Nacht verarmten Schweizer Landen gekauft. In dieser tristen Situation zeigen sich Malte Sundermann als ängstlicher Walther und Rahel Hubacher als patente Hedwig Tell in postapokalyptisch düsterem Anfangsbild (Ausstattung: Sara Giancane) mit kompaktem Zivilschutzbunker, kümmerlichem Wasserbassin statt See und Gessler-Stange, die hier ein Imkerhelm ziert. Die deutsche Hegemonie "vom Golf von Biskaya bis Polen" verdankt sich nämlich Germaniens noch intakten Bienenstämmen. Als Bio-Instruktoren, als selbsternannte "Fahrlehrer" sind die Deutschen bei den "ehemaligen Eidgenossen" gelandet: Tabea Bettins Frau Hidler ("natürlich mit "D") und Jens Rachuts Herr Rohmmel ("mit H"). Bettin erweckt ihre Figur ewigdeutscher Gründlichkeit zwischen KZ und Fähnlein Fieselschweif zu komischem Leben, Rachuts komödiantische Ader bricht sich in obszönen Szenen Bahn. Thomas Müller wiederum verkörpert als Wachmann amüsant den "unfähigen, nichtsnutzigen Opportunisten" (UNO), der als Schweizer überall nicht dabei ist. Nun wäre die Tell-Geschichte keine, gäbe es da nicht den Widerstand gegen die Besatzer, die Hoffnung auf Freiheit und so weiter. Das Engagement aber, das der Angelpunkt bei Rachut/Sanchez ist, kommt von ungeahnter, nämlich Hedwigs Seite: Auf die Männer ist einfach kein Verlass mehr. Es ist eine köstliche Inversion Schillers, wo die Frau und Mutter den Heldengatten noch verzweifelt von der Fahrt nach Altdorf abzuhalten suchte. Nun eben, die Rollen haben gewechselt: Jakob Leo Stark als Wilhelm sieht zwar aus wie ein kräftiger Bursche und kommt mit Bart und Kutte Hodler sehr nah. Aber wie Alexander Seibts herrlich herumlavierender Stauffacher ist er eine packend gespielte Null, die die Faust nur im Sack macht. So ist es an Hedwig als niedlicher Heroine, die Männer und die Welt zu retten - und Rahel Hubacher läuft dabei zur Höchstform auf. Sie hat eine Zeitmaschine gebaut (halb Staubsauger, halb Gerät nach H. G. Wells) und reist ins Jahr 1307, in dem nach Chronist Tschudi und Schiller der Apfelschuss stattgefunden haben soll. In Heta Multanens perspektivisch gekonntem Video (sonst gibt es etwas viel Filmmaterial) sehen wir die berühmte Szene, aber Tell ist ein so schlechter Schütze, dass Hedwig selbst Hand anlegen muss, um in "Back to the Future"-Manier die Zukunft geradezubiegen.

Tages-Anzeiger

Ist dieses Stück nun ein weiterer Beitrag zur durchgekauten Debatte über die Deutschen in der Schweiz? Gar der Versuch, schwelende Konflikte in die Zukunft auszulagern, damit wir Zuschauer sie dort in der Verfremdung wiedererkennen? Nein, Rachuts "Tell" ist ein Stück Science-Fiction-Unterhaltung, das aus dem Spass entstand, der Geschichte einen anderen Verlauf zu geben. "Alternate history" nennt man dieses Genre. Damit steht Jens Rachuts "Tell" in der gleichen Tradition wie Christian Krachts vorletzter Roman, in dem die Schweiz das Zentrum einer maroden Sowjetrepublik ist. Und wie bei Kracht werden auch bei Rachut die Ängste der Schweizer Gegenwartsmenschen lustvoll durch den Fantasiewolf gedreht - von der Umwelt- bis zur Grossmachtpanik.

NZZ am Sonntag

Wann wurde zuletzt so gelacht in einer "Tell"-Inszenierung? Da muss wohl schon einer kommen wie der Hamburger Punk Jens Rachut, der die "Grammatik zu spreizen" versteht ("Spex"). Im "Tell" spreizt er Tagespolitik (Deutsche in der Schweiz) und Naturereignisse (Bienensterben, Tsunami) bis die Sphären des höheren Blödsinns. Schillers Text drückt er in die Grätsche, bis der in Rütli-Schwur-Fetzen hängt. [...] Tabea Bettin als Lise-Lotte Hidler und Jens Rachut als Erwin Rohmmel: grosse Satire!

Premiere:

Fr 28.09.2012 - 20.00

Stückblatt als PDF

Dauer: 1h 40m