von Barbara Weber
in deutscher und englischer Sprache
Uraufführung
High Achiever folgen dem Mutterkonzern um den Globus, die Familie im Gepäck oder auch nicht. Die Resort-Migranten lassen sich in Städten wie Zürich, Genf oder Lugano nieder. Oder sind es Finanzplätze? Oder touristische Bühnen? Ein Standortvorteil für Schweizer Konzerne? Was machen die Expats mit diesen Städten? Und was machen die Städte mit den Expats?
Globale Wirtschaftsnomaden brauchen von der Schweiz keine Therapie, keine finanzielle Hilfe, benötigen weder Sprach- oder Integrationskurse (oder etwa doch?). „The Swiss are notoriously hard to befriend”, liest man in Ratgebern für Zugereiste, und „Conformity is the key point to acceptance”. Wieviele Schweizer Freunde hat ein indischer EDVExperte im Durchschnitt? Die Firma entscheidet, wer wann wohin. Und wer länger bleibt als vier Jahre, der hat den Anschluss verpasst. Wird Heimat da zur Franchise, von der in jeder neuen Stadt, auf jedem Kontinent, eine Filiale eröffnet werden kann? Oder werden doch ein paar zarte Wurzeln in helvetischen Boden geschlagen? Wir versuchen herauszufinden, was die Expat-Communities über globalisierte Leben, Arbeitsverhältnisse und Zugehörigkeiten, aber auch über die Schweiz erzählen können. Das ist die erste Etappe einer theatralen Recherche, die nicht einzelne transnationale Lebensläufe, sondern ein globalisiertes Lebensgefühl zu kondensieren versucht, das vielleicht mehr mit uns zu tun hat, als uns die Rede von internationalen Parallelgesellschaften glauben machen mag.
Transnational nomads follow their companies across the globe, some with their families aboard, some alone. Migrant workers, yes, but with an Ivy-League-degree. A home is found, a clean and safe place in Zurich, Geneve or Lugano. Swiss cities. Or are they mere tourist attractions? Just an asset for Swiss Companies? Can „home“ or „Heimat“ be franchised, and you just open shop in any new town, on any new continent? Or can you strike some roots into helvetic soil? The Theater Neumarkt has asked the Expat community to tell us about globalized lives, working conditions and systems of belonging, and of course about Switzerland.
Premiere am 24. Januar 2013, Saal
Mit freundlicher Unterstützung der
![]()
Mit:
Recherche: Julia Reichert, Thomas Zaugg
Mit auf der Bühne: Dominik Dober, Julian Koechlin, Szerafina Schiesser, Bettina Stoffel
Wie sich das genau anfühlt, wenn man allein mit seinem Kamel durch die Lande zieht und eine Rast in diesem kurligen, kleinen Hotspot namens Schweiz einlegt, hat das Neumarkttheater jetzt mit einem Rechercheteam um Barbara Weber genauer untersucht. Man hat sich umgeschaut bei den hiesigen Expatriates, den Briten und den Deutschen, den Skandinaviern und den Amerikanern, die eingeflogen werden, um Banken zu retten oder Krankenhauspatienten, um Hedgefonds zu managen oder Konzerne, und die selber rettungslos unbehaust sind in der Schweiz. Kurz: Als grosse Abschiedsproduktion hat Barbara Weber, die scheidende Neumarkt-Co-Leiterin, sozusagen ihr eigenes „Top Dogs“ auf die Bühne „gebootet“. […] Das Figuren- und Situationen-Hopping – mit dem Weber auch formal die Lage der transnationalen Nomaden widerspiegelt – gewinnt im Laufe des Abends an Rhythmus und Schärfe und kulminiert schliesslich in einer irren Expats-Party, die fast aus Eugène Ionescos Feder stammen könnte. Dass zudem immer wieder die andere Seite der Arbeitsmigration dazwischengeschnitten wird – etwa durch einen Monolog der hochschwangeren spanischen Putzfrau, die den Dreck der Topverdiener wegmacht –, versteht sich beinah von selbst. Da steht er also, Malte Sundermanns deutscher Investmentbanker, vor seiner Luftmatratze in seiner 8-Zimmer-Luxuswohnung und hat keinen Plan. Es ist, als ob ein Marsmensch vom Himmel gefallen sei. „Hier in der Schweiz herrscht ein Arbeitsklima, äh …, die UBS zum Beispiel ist mehr so Behörde oder Kreissparkasse“ – und trotz seiner Performance kommt er nicht hinein in den elitären Rennweg-Zirkel. Reinkommen in die Schweiz tut man eh nicht, auch wenn man drin ist: Das ist eine der Grunderfahrungen der Expats – „the Swiss are notoriously hard to befriend“ (der Abend ist mehrsprachig , hauptsächlich Englisch und Deutsch, aber Übertitel sichern das Verständnis). „Braingain ja, Mensch dazu nein“ scheint die Devise frei nach Frisch zu sein. Handkehrum haben aber auch etliche der Arbeitsmigranten weder die Zeit noch den Nerv zur Integration in ein Land, das sie nur ein paar Monaten, höchstens ein paar Jahre bewohnen, bevor der nächste Job sie weiterkatapultiert; und die Absurdität von Simonetta Sommarugas Zwangsassimilationsidee könnte deutlicher nicht vorgeführt werden. Aber es kann schon mal passieren, dass eine viel beschäftigte Brokerin mit amerikanisch-mexikanischem Background (Alicia Aumüller) ihre Schweizerdeutsch radebrechenden Buben nicht versteht (Jakob Leo Stark, Malte Sundermann). Egal: Die Schwester übersetzt (Katarina Schröter), und der nächste Umzug liegt ohnehin in der Luft. Was zählt, ist, dass die Familie zusammen ist, unterstreicht Mum, und man sieht Hollywoodtränen blinken, während sie sich mit ihrem Köfferchen zum Flughafen aufmacht: keine Zeit für Kindergeburtstag. „We want a European home base, but of course they will go to university in the United States“, ergänzt Daddy (Thomas Douglas), und der Relocator organisiert die passenden Schulen (Alexander Seibt).
Brauchen Expats Integrationshilfe? Die Frag wird zunächst im Programmheft aufgeworfen - quasi als Weiterführung dessen, was in vielen Medien suggeriert wird: Ausländische Spitzenkräfte würden in Parallelgesellschaften leben und seien aufgrund von Zeitmangel und fehlenden Sprachkenntnissen schlecht integriert. Webers Inszenierung geht mit gutem Beispiel voran und projiziert die englische Übersetzung auf einen Monitor. Auf der Bühne wird deutsch, englisch, spanisch und französisch gesprochen. Da ist die Kaderfrau, die mit der Zahnbürste im Mund und mit dem Bügeleisen in der Hand Wörter eines Audiovokabeltrainers nachspricht. Oder es tritt eine Mutter auf, die ihr eigenes Kind nicht versteht, das beim Klingeln der Tür ausruft: "Ich ahn Angscht!" Dem Kind wiederum muss erklärt werden, dass Paris (und gewiss auch Zürich) nicht Mexiko-Stadt ist und es also keine Angst zu haben brauche. Mit der Sprache werden auch die Identitäten gewechselt. Klare Rollen sind kaum auszumachen. Die flüchtigen Charaktere suchen niemals einen Ort, an dem sie längerfristig bleiben und also auch Verantwortung übernehmen möchten. Da schläft ein Expat auf einer Luftmatratze – ist die Luft raus, pumpt er sie an einem anderen Ort wieder auf. Womit sich die Integrationsfrage erübrigt. Dass uns als ZuschauerInnen diese flüchtigen Charaktere dennoch in der Erinnerung bleiben, ist der darstellerischen Leistung des des Ensembles zu verdanken (Alicia Aumüller, Thomas Douglas, Katarina Schröter, Alexander Seibt, Jakob Leo Stark und Malte Sundermann). Wenn sich Sundermann etwa in der Schlussszene beim Karaoke verausgabt, wird eine Verzweiflung spürbar, die sich offenbar nur noch mit einem Robbie-Williams-Song ausdrücken lässt. Sobald die Figuren aber mit der Frage konfrontiert werden, was für sie Heimat bedeute oder wo sie beerdigt werden möchten, verstummen sie. Stattdessen werden Wohnungen eingerichtet, um sie alsbald wieder zu verlassen. Welches Glücksversprechen macht Menschen, die das Abenteuer zum weit günstigeren Preis als dem der Selbstausbeutung haben könnten, zu Nomaden? "The risk is the challenge", so die Expats.
Natürlich besticht der Abend mit einem hohen Unterhaltungswert, aber das ist ja bei Barbara Weber als Regisseurin praktisch immer so – und schaut man ein wenig weiter zurück, könnte dies auch der zweite Teil einer Dekadenz-Trilogie sein, die ihre Anfänge vor bald zwei Jahren im Club St. Germain genommen hat. In Sachen Schein der Oberflächlichkeit würds jedenfalls passen. Denn die Sorgen und Nöte dieser Heuschrecken-Handlanger haben in Beträgen vielleicht ein paar Nullen mehr, die Kindererziehung geschieht via Skype und die Häufung an Wichtigtuern im Ausgang ist eventuell dichter, aber hinter all dem vermeintlich glitzernden Firlefanz zeugen die existenziellen Nöte von einer gut kaschierten Durchschnittsmenschlichkeit.
Do 24.01.2013 - 20.00
Dauer: 1h 45m