Dr Madam ihre Mössiö

CH-Trilogie 3

von Guy Krneta

Uraufführung

Ein Ehepaar spricht. In der Sprache der beiden lagert sich ihre Herkunft ab. Sedimente einer zehnjährigen Beziehung. Spuren eines widersprüchlichen Abhängigkeitsverhältnisses. Diverse Therapien finden im Sprechen ihren Widerhall, private wie soziale Abgründe klingen durch, aber auch Autonomie und Würde. Es sind keine Sympathieträger im klassischen Sinne, die da sprechen. Und doch entzieht sich die Sprache simplen Zuweisungen von richtig und falsch, normal und krank, Täter und Opfer. Guy Krneta erzählt die wahre Geschichte einer unmöglichen Konstellation, die Geschichte zweier Menschen in der Agglomeration, die nicht nur durch das Raster der sozialen Sicherungsund Wertsysteme gefallen sind, sondern dabei auch an den jeweils schlimmstmöglichen Partner gerieten – lebenslänglich. Ausgehend von Recherchematerial zu einer Sozialreportage des Journalisten Fredi Lerch schreibt Guy Krneta im Auftrag des Theater Neumarkt ein neues Kammerspiel von hoher mundart-sprachlicher Intensität. 


Premiere am 23. März 2013, Saal

Unterstützt von der

Mit:

Musik: Daniel Lerch

Neue Zürcher Zeitung

Diese unmittelbaren Wechsel von Distanz und Nähe, Dominanz und Unterwürfigkeit durchziehen die von Bruno Cathomas inszenierte Produktion wie ein roter Faden und lassen immer deutlicher werden, wie heillos verstrickt das Paar ist. Krnetas Stück entwickelt schon bei der Lektüre eine Sogwirkung, der man sich im Theater erst recht nicht entziehen kann. In erster Linie ist dies Rahel Hubachers Verdienst, spielt sie doch die Rolle der nicht allzu intelligenten, psychisch schwer angeschlagenen Frau phänomenal gut. Wenn sie Sandwich-kauend beschreibt, wie sie von Pontius zu Pilatus laufen musste, um ihr «Poschtchärtli» zurückzubekommen, so ist das zum Totlachen – und doch läuft es einem eiskalt den Rücken hinunter.

Tages-Anzeiger

Giggeln, Glucksen, Gurgeln; Würgen, Wimmern, Weinen. Grosser Auftritt eines gelachten Geheuls, eines geheulten Gelächters, in kompletter Dunkelheit. Dann explodiert eine Stille. Noch nie war ein Startschuss für einen laut tosenden Premierenbeifall so leise. Der letzte Teil der „CH-Trilogie“ am Theater Neumarkt hat seinen eigenen kurligen Charakter, und der hat Klasse. Nach zwei satirisch-dokumentarischen Schweizereien – Barbara Webers „Expats“ und Mike Müllers „Truppenbesuch“ – kam nun mit Guy Krnetas „Dr Madam ihre Mössiö“ eine komisch-musikalische Variante zur Uraufführung, ein flirrendes Finale aus dem Geist von Oper und Soap-Opera. Eigentliches und uneigentliches Sprechen kitzeln einander hier während siebzig grossenteils witzigen Minuten. Von Anfang an katapultiert der preisgekrönte Berner Autor das Ehedrama von Madame und Monsieur auf eine virtuelle Ebene: die der indirekten Rede. Krneta zelebriert den Konjunktiv, zum Beispiel so: „Er: ‚Är heg ihre aaglütet / aber sie heg ihm s Telefon abghänkt.‘ / Sie: ‚Är heig ihre ds Telefon abghänkt / sie heig gfunge: bitte schön.‘“ Die Frage, wer nun wem wirklich das Telefon aufgelegt hat, wird sich, im Verlauf des Abends, als Marginalie einer Beziehungsgeschichte erweisen, in der drei Wörter mit P die Protagonisten sind: Polizei, Pädophilie und Psychiatrie. Aber wie Alexander Seibt schon in der ersten Szene sein Bassersdorfer „heg“ gegen Hubachers Berner „heig“ ausspielt und umgekehrt: Das ist ein Leitmotiv in diesem Wechselgang der Zerrütung. Die Erzähler aus zweiter Hand ziehen sich die Story über, als seis ihr eigener Handschuh: eine spannende Verschiebung. Der Stoff selbst wäre was für TV-Psychologin Angelika Kallwass: Da wohnt ein verkrampfter, nicht mehr taufrischer Typ in der Agglo im Haus seiner Eltern; die Freundin zieht ein, sie heiraten, leben mehr oder weniger unglücklich zehn Jahre in der zweiten Wohnung des Elternhauses, bis eines Morgens die Polizei vor der Tür steht. Diese findet kiloweise Knabenpornografie und einen Computer mit so viel einschlägigem Material, dass ein Kinderpornoring ein Jahr davon hätte leben können. Mössiö kommt vor Gericht, verliert seine Arbeit; sie zieht aus, beginnt, sich zu ritzen, landet in der Psychiatrie, wird arbeitslos, rutscht ab in die Armut. Und trotz allem ist da immer noch ein Quäntchen Liebe übrig, bei beiden. Sprachkünstler Guy Krneta und Regisseur Bruno Cathomas („Viehjud Levi“) verwandeln dieses „Blick“-Bijou mithilfe der spielfreudigen Schauspieler und des tollen (Live-)Gitarristen und Dramaturgen Daniel Lerch in ein kurioses Konzert mit boulevardesken Obertönen und Slam-Poetry-Untertönen. Mit der Zeit schrumpft der Boulevard zum Untergrundrauschen, derweil die Slam-Poetry, die Musik aus dem Dialektgewitter herausblitzt. Anders gesagt: Die Inszenierung ist wie ein Schmetterling, der sich allmählich aus seinem kackbraunen Kokon befreit. In der weissen, raffiniert rollbaren Kammer, aus der graue Rollos mal eine Ehe-, mal eine Gefängnisszene machen, bieten „Sie“ (mit knielangem Jeansrock und offenherzigem Decolleté) und „Er“ (Jeans und rostfarbener Pulli) anfangs eine durchaus nervtötende Show wie aus dem Unterschichtenfernsehen, samt Handtaschen-Schlägereien und fliegenden Pumps (Bühne und Kostüme hat Regula Zuber auf provinziell getunt). Aber je furchtbarer das ist, was da nach und nach offengelegt wird, bis hin zum Missbrauch, desto clownesker und abstrakter kommt die Darstellung daher. Worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man spielen! Ein ganz grosses Lob verdient etwa die Zügelszene von Rahel Hubacher: Wie sie wortlos mit den Dingen kämpft, dem Ikea-Krempel oder dem alten Plattenspieler etwa, wie sie schier nicht durch die Tür kommt, genauso wenig wie durchs Leben, ist ein hinreissendes, himmeltrauriges und hochkomisches Bild. Wenig später wird sie die alte Liebesliedweise vom „Vreneli ab em Guggisberg“ singen – während sie grandios grusig ein Sandwich, Pardon, frisst. Und auch Seibt zermahlt alles psychologische Gesabbel zwischen seinen mit den Vokabeln „effektiv“ und „luschtigerwiis“ gespickten Sätzen. Im Guggisberglied ist am Schluss das „Mülirad broche, die Liebe het es Änd“. Aber unsere zu diesem Abend lebt. Effektiv und ohne Konjunktiv.

Der Landbote

Grosse Nummern [...] haben beide: Rahel Hubacher etwa als Putz- und Zügelfurie, die – ein wunderbarer Slapstick – krampfhaft versucht, einen Teppich vom Staub zu befreien und allerlei Mobiliar in den Wohnwürfel hineinzutragen. Alexander Seibt seinerseits entwickelt sich zum begnadeten Konditionstrainer, der zu all den sportlichen Übungen sein Leben als 20-jähriger Springinsfeld Revue passieren lässt.

Aargauer Zeitung

Im lockeren Tonfall verdreht Seibts Mössiö ständig alles um 180 Grad – bis die Schuld irgendwo liegt, nur nie bei ihm. Das Bühnenbild (Regula Zuber) ist schlicht und klug. Ein weisser Kubus mit zwei offenen Seiten, die sich durch Lamellenstoren schliessen lassen – ein Häuschen in der Schweizer Agglomeration. Dessen Fundament bei jedem Schritt wackelt, dessen Teppich mächtig viel Staub angesetzt hat. Zur Dekoration gehört ein gitarrespielender Matrose und etliches Mobiliar. Gegen Ende wird das Paar sein Haus zwanghaft mit Möbeln vollstopfen: beide überdrehen hochtourig, bleiben im Leerlauf stecken. Gelöst hat sich nichts. Begriffen hat er nichts. Gerechtigkeit wurde keine hergestellt.

Premiere:

Sa 23.03.2013 - 20.00

Die nächsten Aufführungen dieser Produktion:

Di 04.06.2013 - 20.00

Stückblatt als PDF

Dauer: 1h 15m