schwarzes tier traurigkeit

 
Ein Stück von Anja Hilling


Regie: Rafael Sanchez
Bühne: Felicia van Kleef
Kostüme: Ursula Leuenberger
Video: Heta Multanen
Musik: Cornelius Borgolte
Dramaturgie: Britta Kampert
 

Mit: Matthias BreitenbachYvon JansenPascal GoffinJörg Koslowsky, Katharina SchmalenbergSigi Terpoorten 

Premiere am 8. April 2010, Saal
 

Ein Mischwald an einem Sommerabend kurz vor sechs. Es ist heiss. Seit vierunddreissig Tagen wartet der Wald auf Regen. Dann das Motorengeräusch eines VW-Buses. Sechs Freunde mit einem Baby sind unterwegs, um eine Nacht in der Natur zu geniessen. Alle sind irgendwie mit einander verbandelt, Bruder und Schwester, Exfrau und Exmann, Ex-Arbeitgeber und Ex-Angestellte, Frischverliebte oder junge Eltern. Sie alle wollen an diesem schönen Sommertag mal raus, der Welt den Rücken kehren, im Wald am Lagerfeuer die Sorgen vergessen und die Sterne am Nachthimmel zählen. Die friedliche Stimmung mitten auf einer Lichtung, zwischen hohen, grünen Bäumen wird durch die kleinen Sticheleien, eifersüchtigen Scherze, familiären Streitereien und kleinen Gemeinheiten kaum gestört. Man grillt, singt und schläft schliesslich - satt, glücklich und zufrieden - unter dem Sternenhimmel ein. Doch wird es ein kurzer Schlaf sein.

Nach ein, zwei Stunden werden alle von der Hitze eines Feuers geweckt und erleben einen Brand, der jede Phantasie übersteigt. Ein winziger Funken Glut, vielleicht von den Kohlen, vielleicht von den Zigaretten, findet seinen Weg, über einen Ast, ein trockenes Blatt und entfacht ein Feuer ungeahnten Ausmasses. Hier beginnt die eigentliche Tragödie, ein Stück Bühnenpoesie von archaischer Wucht, in dem ein unschuldiges Baby ums Leben kommt und sechs Grossstädter durch ein Inferno und zurück in einen beschädigten Alltag taumeln. Die Erfahrungen von Todesangst und Einsamkeit sowie die Erkenntnis der eigenen Endlichkeit entlassen die Überlebenden zurück in den Alltag. Doch ihr Blick auf die Welt und sich selbst hat sich verändert! Angesichts des Verlust und im Bewusstsein, Schuld auf sich geladen zu haben, ist ihnen das unbeschwerte Lebensgefühl verloren gegangen. Nun müssen sie herausfinden, wie sie weiter leben können und was sie vom Leben eigentlich wollen.

Angeregt zu dem Stück wurde Anja Hilling, Jahrgang 1975, eine der wichtigsten Gegenwartsautorinnen der jüngeren Generation, durch die Schreckensbilder in den Nachrichten im Sommer 2007: Ein verheerender Waldbrand in Griechenland, vermutlich ausgelöst von einer Gruppe junger Ausflügler, kostete elf Feuerwehrmännern das Leben. Die Frage, wie eine solche Katastrophe das Leben der Überlebenden fortan prägt, ist der Ausgangspunkt von Anja Hillings Etüde über die Traurigkeit, die zwischen einer poetisch bildgewaltigen und gleichzeitig oft nüchternen und konkreten Sprache oszilliert. Innerhalb dieses sprachlichen Spannungsfeldes gewinnt der Horror der Katastrophe die kalte Härte einer Dokumentation, in der die märchenhaften Konstellationen und Bilder sich ins Negative verkehren. Mit „Schwarzes Tier Traurigkeit" hat Anja Hilling ein Antimärchen wider die Planbarkeit der Existenz geschrieben, das die Wirkung der Katastrophe im Theater neu untersucht. Hat sie noch eine kathartische, also eine reinigende und läuternde Kraft - oder wirft sie uns nur auf das zurück, was wir sind: Menschen, die ohne Hoffnung nicht leben können?