Der schon von Heiner Müller geäusserte Verdacht, dass Geschwisterfamilien, die schlimmste Form familiären Terrors evozieren können, erhärtet sich seit dem Zerfall des traditionellen Familienmodells in zunehmenden Masse. „Baby Jane", der Roman und der Film, sind frühe Dokumente über die exzessive Hassliebe, die Geschwister, die durch Blut und Lebensgeschichte aneinander gekettet, durch Konkurrenz und Neid aber von einander getrennt sind, im Laufe ihres Lebens entfalten können, wenn sie die entsprechenden Bedingungen vorfinden. Robert Aldrich und Henry Farrell operieren mit einer Versuchsanordnung, in der die Probanden (Blanche und Jane Hudson, beide Ex-Stars aus Hollywood) nahezu isoliert von der Aussenwelt, ihre wechselseitige Abhängigkeit, aus der es kein Entrinnen gibt, als harmonisches Zusammenleben zelebrieren, und kontrastieren dieses Bild einer Geschwisterfamilie mit subtilem Terror und methodisch erzeugtem Wahnsinn, wie sie sich nahezu zwangsläufig in einer solchen Situation entwickeln. Zwei andere ökonomisch determinierte und pervertierte Formen familiären Zusammenhangs bilden den Rahmen dieser Geschichte: Der erfolgreiche Kinderstar „Baby Jane" als Familienernährer und damit bereits im zarten Alter von 10 Jahren de facto Familienoberhaupt und die symbiotische Mutter/Sohn - Familie Celia und Edwin Flagg, in welcher der längst erwachsene Sohn weiterhin von der Mutter ernährt wird. „Baby Jane" ist ein Dokument für das Weiterbestehen familiärer Abhängigkeiten und Zwänge über die Auflösung des hierarchischen Zwangsverbands des traditionellen Familienbildes hinaus. Ein soziologischer Befund. Ein Thriller. Ein Lehrstück.