KÖNNEN WIR UNS DIE KATASTROPHEN NICHT SPAREN, HERR CALVIN?

von Jörg Albrecht 



Uraufführung am 29. Oktober 2009, Saal 


Mit: Alicia AumüllerRahel HubacherJörg KoslowskyThomas MüllerMichael Ransburg

Regie: Roger Vontobel
Bühne: Roger Vontobel, Claudia Rohner
Kostüme: Eva Martin
Musik: Murena
Video: Immanuel Heidrich
Dramaturgie: Ralf Fiedler 

In Krisenzeiten müssen die Menschen mal wieder merken, dass man Erschütterungen überleben kann, und seien es die eines Erdbebens. In Calvins folgenreichem System der Prädestination haben Katastrophen allerdings keinen Platz; lange war es unsere religiöse Pflicht, es gar nicht dazu kommen zulassen. Fazit also: Die Schweiz braucht endlich ihren eigenen Katastrophenfilm! Das zumindest denkt der Bundesrat und lädt eine hochkarätige Starbesetzung ein, in Zürich diesen Film zu drehen: Bruce Willis, Angelina Jolie, Brad Pitt und Jodie Foster sind gelandet, und das Schweizer Starlet Stella Solar ist auch dabei. Das Erdbeben in Zürich wird in Angriff genommen. Die Kulissen und Special Effects sind sparsam, im Notfall kann man auch vor dem Green Screen vom Hochhaus stürzen, und so oder so kommt es vor allem auf eins an: auf die Gemeinschaft. Die muss miteinander leiden und alles durchleben, um am Ende zu wissen, was von Anfang an klar ist: dass die Stars Stars sind und überleben. 


Aber irgendwas stimmt nicht ganz, die Stimmung stimmt nicht, und immer wieder müssen die Dreharbeiten abgebrochen werden. Denn alles, was schiefgeht, entpuppt sich auf einmal doch als Teil des Drehbuchs. Und alles, was schiefgehen soll, funktioniert nicht. Zumthor-Bauten zum Beispiel stürzen eben nicht ein, wenn die Kamera ein bisschen wackelt. Doch als die Drehtage zur Neige gehen und der Film nicht machbar scheint, bricht eine reale Katastrophe aus, und dieses Desaster called Europa hatten auch die Produzenten nicht einkalkuliert. Zürich in danger? Zum Glück gibt es den Kameramann, der mit seinem Barett, seiner Mütze mit Ohrenklappen und seinem Spitzbart zwar wirkt wie aus einer anderen Zeit, der aber aufpasst, damit alles so bleibt, wie sein Drehbuch vorschreibt, seit dem 16. Jahrhundert. Und der doch überlegt, wie die grünen Hügel der Schweiz sich auf das vorbereiten können, was das 21. Jahrhundert mit sich bringt. 


„Wenn ich verstehe, dass das Entfernte und Unbekannte immer bei mir ist und mich immer neu überraschen kann, überrascht es mich auch nicht, wenn meine Sicherheiten zusammenbrechen, irgendwann.“ (Jörg Albrecht)


JÖRG ALBRECHT

1981 in Bonn geboren und aufgewachsen im Ruhrgebiet, studierte Komparatistik, Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaft in Bochum und Wien. Er lebt als freier Autor in Berlin und promoviert zurzeit über Abbrüche in Literatur und Hörkunst seit 1960. 2006 erschien sein Debütroman „Drei Herzen", 2008 die Weltraumpopoper „Sternstaub, Goldfunk, Silberstreif". Jörg Albrecht gehört dem Theaterkollektiv copy & waste an und ist Teilnehmer des Lehrgangs Szenisches Schreiben von uniT in Graz, in dessen Rahmen sowohl „stell dir deinen Körper vor" als auch „lass mich dein Leben leben!" entstanden. Für seine Texte wurde der Autor Jörg Albrecht bereits mehrfach ausgezeichnet.