glückseligkeit

von Olivier Choinière

Deutschsprachige Erstaufführung 

 

Mit: Sylvia MedinaThomas MüllerJulia PhilippiMarcel Rodriguez Silvero


Regie: Robert Gerloff

Bühne: Gabriela Neubauer

Kostüme: Inga Timm

Dramaturgie: Britta Kampert

Premiere am 29. Januar 2010, Chorgasse 5

Karo ist Verkäuferin bei Walmart und vegetiert als Einzelgängerin wider Willen durch ihren öden Kassenalltag. Die kurzen und seltenen Pausen auf der Toilette verbringend, versinkt sie in ihre Fantasiewelt. An diesem (alb)traumhaften Ort sind die Grenzen zwischen Karos Ich und dem Es, das von der Medienflut überwältigt wurde, aufgehoben: Die erste Welle erfasst Karo und spuckt sie bei Céline Dion wieder aus. Im Fotoblitzgewitter von all ihren Fans umjubelt, gibt sie ihr Abschiedskonzert. Danach will sie in Ruhe ihr Baby zur Welt bringen und sich der Familie widmen. Mit professioneller Selbstverständlichkeit plant sie die Veröffentlichung ihres Rückzugs ins Privatleben. Ein Fotograf wird angeheuert, der die Schwangerschaft bis zur Geburt dokumentieren soll. Da rollt die nächste Welle an und gibt Karo in der glanzlosen Welt Isabelles wieder frei.

Deren Leben ist eine einzige Qual: ans Bett gefesselt und von den drogenabhängigen Eltern missbraucht, wird ihre Folter vom Bruder mit einer Wegwerfkamera dokumentiert – die Dealer müssen ja auch bezahlt werden. Eines Tages geht es Isabelle so schlecht, dass auch ihre Peiniger einsehen, dass sie ins Krankenhaus muss. Dort fliegt die Tat auf, die Familie wird verhaftet und die Mediengeier schlagen sich am folgenden Prozess den Bauch voll.

Vor Karos Kasse taucht eine Kundin auf. Wieder einmal holt eine Banalität des Alltags Karo aus ihrer Traumwelt zurück in ihr reales Leben und das bekommt ihr schlecht. Nach dem wohl brachialsten Brechanfall der Theatergeschichte steht Karo, ihr Inneres nach Aussen gestülpt, orientierungslos in einem Spiegellabyrinth zwischen Realität und Traumwelt. Die Grenzen verschwimmen und als nächstes steht nicht irgendeine Kundin, sondern Céline Dion selbst – inkognito – im Walmart und schenkt Karo eine signierte CD. Die Reliquie behutsam im Rucksack verstaut, geht Karo zum Filialleiter. Der hat sie zu sich ins Büro zitiert, weil er sie beim Ladendiebstahl ertappt hat. Karo wird gefeuert – aber die CD behält sie.

Der kanadische Theaterautor, Übersetzer und Filmemacher Olivier Choinière hat mit „Glückseligkeit“ ein Stück über das Bedürfnis nach Wiederverzauberung unserer Welt und dessen Befriedigung durch die Medien geschrieben. Ohne die Perspektive moralisch zu färben, lässt er das stumpfsinnige Durchschnittsleben seiner Protagonistin widerstandslos zu medial ins Hochglanzformat extrapolierten Märchen und Horrorgeschichten übergehen. Der radikale Sprachstil Choinières bricht mit jeglichen Konventionen der Figurenzeichnung, so dass bis zum Ende offen bleibt, wer die Protagonistin und wer deren Fantasie ist.

 

OLIVIER CHOINIÈRE

1973 im kanadischen Granby (Québec) geboren, studierte Szenisches Schreiben an der National Theatre School of Canada. Er schreibt und übersetzt Theaterstücke und Hörspiele. 2001 erhielt er den Fund for Future Generations Millennium Prize des Canada Council for the Arts.