Und jetzt
Das ist in der Tat die entscheidende Frage und zwar nicht nur für heiratswillige Jugendliche und orientierungslose Künstler sondern auch für die Ökonomie. Das Problem stellt sich ja eigentlich am direktesten in der Betriebswirtschaft und im Marketing. Denn jedes Unternehmen, das auf dem Markt reüssieren will, muss Dinge produzieren, für die andere bereit sind, Geld auszugeben und das tun sie – zumindest nach landläufiger Auffassung – nur dann, wenn sie diese auch wirklich brauchen. Dinge zu kaufen, die man nicht gebrauchen kann, nennt man Fehlkäufe. «Der Fehlkauf», schrieb Regine Sylvester, eine noch im DDR-Sozialismus aufgewachsene Autorin, «ist der böse Bruder der Hoffnung.» Wenn es so einfach wäre, könnten wir Konsumenten uns damit zufrieden geben zu sagen: Was wir wirklich brauchen sind Dinge und Verhältnisse, die unsere Hoffnungen erfüllen. Dann wäre auch demMarkt geholfen, denn er könnte davon ausgehen, dass er seine Risiken minimiert, wenn er unsere Hoffnungen ernst nimmt und es ihm gelingt, den «bösen Bruder» in Schach zu halten. Und das hiesse, was wir wirklich brauchen, ist ein funktionierenderMarkt, der sich immer besser an unsere Bedürfnisse anpasst und diese immer differenzierter erkennt und befriedigt. Genau das war das Glücksversprechen unseres Wirtschaftssystems, wie es sogar in der amerikanischen Verfassung festgehalten ist: Das grösstmögliche Glück für die grösstmögliche Zahl. Wenn es mal so einfach wäre... Wenn es so einfach wäre, bräuchten wir keine Kunst und auch keine Philosophie. Diese beiden Säulen unserer Kultur reflektieren nämlich, dass es Dinge gibt zwischen Himmel und Erde, die sich den klassischen Nützlichkeitserwägungen der Ökonomie entziehen. Wir brauchen nicht nur das Nützliche, wir brauchen auch das Unnütze. Wir wollen nicht nur gewinnen, wir wollen auch verlieren, wir wollen uns nicht nur von den Fesseln befreien, die unserer Freiheit imWege stehen, wir wollen uns auch fesseln lassen und wir streben nicht nur nach Erfolg, wir tun auch alles Mögliche dafür, dass wir scheitern. Der russische Dichter Fjodor Dostojewski hat den vertrackten Gedanken ausgesprochen, dass im Verzicht auf den Nutzen vielleicht der «grösste Nutzen» liege, weil nur wer dazu bereit sei, Nützlichkeitserwägungen hinter sich zu lassen, die Erfahrung machen könne, dass er «keine Schraube» ist. Dadurch, dass man sich nicht der Vernunft unterwirft und das Richtige und Sinnvolle tut, sondern «das Unsinnige», bewahre man sich Autonomie und Freiheit. Fehlkäufe, Verschwendung, Selbstgefährdung... und andere vernünftigerweise abzulehnende Verhaltensweisen werden so gesehen zu Praktiken, von denen man vielleicht annehmen muss, dass wir auch sie wirklich brauchen, genau so wie die vernünftige Abwägung und die Mehrung unseres Nutzens. Was wir wirklich brauchen, scheint nicht nur erfolgreiches Einkaufen von befriedigenden Produkten und Dienstleistungen zu sein und eine Gestaltung derWelt nach unsern Bedürfnissen, sondern auch gerade das Gegenteil: wir brauchen auch Fehlkäufe und das Scheitern unserer Bemühungen, wir brauchen auch das Unnütze und Widersinnige. Daher vielleicht die allgemeine Unsicherheit über Wünsche und Bedürfnisse, keiner weiss mehr, was er wirklich will (und gerät deshalb in Sinn- und Schaffenskrisen). Die Befriedigung seiner vermeintlichen Bedürfnisse macht ihn zumindest in manchen Fällen genauso ratlos wie deren Versagung. Ich weiss nicht, ob das verallgemeinerbar ist, aber der Gedanke zieht sich durch die Philosophie- und Literaturgeschichte der letzten 200 Jahre. Zuletzt habe ich ihn in Baudrillards Aufsatz «Warum ist nicht alles schon verschwunden?» gefunden, wo dieser folgende These aufstellt: Im gleichenMasse, wie die Menschen daran arbeiten, ihren Modellen zu Erfolg zu verhelfen, arbeiten sie auch an ihrem Scheitern. Und an diesem allzumenschlichen Widerspruch scheitern wiederum alle Denkmodelle, die stringent formulieren wollen, was wir wirklich brauchen. Wir brauchen offenbar immer auch das Gegenteil. Das ist paradox.Wenn wir es ernst nehmen, heisst das: Was wir wirklich brauchen, ist die Spannung zwischen den Gegensätzen. Oder das Aushalten des Selbstwiderspruchs.Wir wollen gefesselt sein und frei sein von allen Fesseln. Wir wollen keine Angst mehr haben müssen und entwickeln Angstlust. Wir wollen alles tun, was uns gefällt und zwingen uns diszipliniert und ohne Not zu dem, was uns zutiefst abstösst. Wir erfahren offenbar eine subtile Befriedigung, wenn wir unsere eigenen Pläne durchkreuzen und das Unnütze, wenn nicht das Schädliche tun. Diese Künstlern und Philosophen schon länger vertrauten Phänomene, die sich aber ganz gewiss nicht nur in diesen Personengruppen manifestieren, erfordern zumindest eins: nämlich Räume, in denen explizit anders nachgedacht und gehandelt werden kann als nach purer Massgabe von Nützlichkeitserwägungen und Zweckmässigkeit. Die Zunft der Hottinger müsste solche Räume bereitstellen. Ich glaube, wir brauchen sie wirklich.