Geist

Lob der Verschwendung

von Daniel Binswanger

Eine der Grundgegebenheiten der modernen Welt besteht paradoxerweise darin, dass wir unserem Erbe immer weniger entgehen können. Es gibt immer etwas zu erben – und heute noch etwas mehr als gestern. Obwohl die Moderne als die Ära der politischen Emanzipation, des technischen Fortschrittes, der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung gelten mag, ist doch erst in der geschichtlichen Welt, in der wir seit der Mitte des 18ten Jahrhunderts leben, die Last der Geschichte mit vollem Gewicht als Last auch spürbar geworden. Wir setzen uns ab von Traditionsbeständen – und müssen sie deshalb als solche erst erkennen und bewältigen. 

Wir verstehen Wissenschaft als offenen Prozess der Erkenntnisgewinnung – und müssen anschliessen an einen Stand der Forschung, dessen geschichtliche Relativität sich mit jedem Erkenntnisfortschritt weiter potenziert. Es hat sich ein Wirtschaftssystem entwikkelt, dessen implizite Voraussetzung die unbegrenzte Expansion ist. Das bedeutet theoretisch, dass der Reichtum von morgen immer den Reichtum von heute übertreffen wird – deshalb, weil er durch die Re-Investition der heutigen Ressourcen generiert werden wird. Der Soziologe Niklas Luhmann schreibt modernen Gesellschaften deshalb zwei entscheidende Strukturmomente zu: die Temporalisierung und das Reflexiv- Werden der gesellschaftlichen Systeme. Unsere Welt ist immer zukunftsoffener geworden, aber genau deshalb musste die Erblast der Vergangenheit immer schwerer werden. Die Fieberschübe des Ikonoklasmus, welche die kulturelle Entwicklung des 20. Jahrhunderts dominieren, und die mörderischen Brüche, welche seine politische und gesellschaftliche Geschichte bestimmten, machen deutlich, wie stark das Menschheitsbedürfnis geworden ist, sich ein für alle Mal des Erbes zu entledigen. Immer dringender scheint das Bedürfnis, das Erbe zu verprassen. Aber die Schwierigkeit ist eben: Damit es verschleudert werden kann, muss es auch angetreten werden. Ein Gespür für diese Zusammenhänge hatte schon das Fin-de-siècle um 1900. In einem der eigenartigsten und berühmtesten Gedichte jener Epoche schrieb Hugo von Hofmannsthal, der Teenager-Star des deutschen Symbolismus:

Den Erben lass verschwenden 
An Adler, Lamm und Pfau 
Das Salböl aus den Händen 
Der toten, alten Frau.

Hofmannsthal baut eine schwüle Symbol-Menagerie auf (die er dann noch psychedelischer übersteigert: «Der Schwarm der wilden Bienen nimmt seine Seele mit/Das Singen von Delphinen beflügelt seinen Schritt»), nicht nur um sein animalisches Aufgehen im Hier und Jetzt zu dramatisieren, sondern auch als direkte Provokation gegen die deutsche Bildungstradition, d.h. gegen Goethe. «Was Du ererbt von Deinen Vätern hast/erwirb es um es zu besitzen», heisst es im Faust. Besitzstand oder Verschwendung? Erwerb oder Exzess? Bewahrung oder Verzehr? So lautet die Gretchenfrage des Historismus. So lautet auch heute noch unsere Frage. Mit seinem Ethos der Verschwendung outet sich Hofmannsthal als der Nietzscheaner. Schon in den «Unzeitgemässen Betrachtungen» hat Nietzsche sich von der erdrückenden Macht des Erbes zu befreien versucht, vom «lähmenden und verstimmenden Glauben, ein Spätling der Zeiten zu sein». Nietzsche setzte diesem Dekadenzphänomen ein existentielles Pathos der Überfülle entgegen. Beschwört er nicht im fünften Buch der «Fröhlichen Wissenschaft» die dionysische «Überfülle des Lebens»; singt Zarathustra nicht in seinem ersten Gesang «Segne den Becher, welcher überfliessen will»? 

Wie verwandelt man Besitzstand in Überfluss? An dieser Frage orientierte Nietzsche die Heilschancen der Moderne. Das ist von grundlegender kulturgeschichtlicher Relevanz, aber nicht nur. Denn heute, angesichts der globalenWirtschaftskrise und ihrer unerwarteten Dramatik, scheint auch die ökonomische Zukunft der Weltgesellschaft an eben diesem Problem zu hängen. 

Alles scheint darauf hinzuweisen, dass wir in ein zweites Post-Histoire des Kalten Krieges eintreten. Das erste Post-Histoire wurde auf den Begriff gebracht von Francis Fukayamas Vision des Endes der Geschichte: Nachdem die Blockbildung um einen kommunistischen und einen marktwirtschaftlichen Pol überwunden war, sollte sich die Demokratie und mit ihr eine liberale Wirtschaftsform um den ganzen Globus ausbreiten und die ideologischen Konflikte, welche bis anhin den Motor der politischen Geschichte bildeten, zum Verebben bringen. Ein universeller Konsens über die richtige Regierungs- und Wirtschaftsform sollte, so Fukayama, der Menschheit eine harmonische Globalisierung und allgemeine Prosperität bringen. Die spektakuläre Widerlegung dieser hoffnungsfrohen aber naiven Utopie eines Überwindens der Geschichte kam mit dem elften September. Plötzlich schien klar, dass der westliche Verfassungsstaat auch nach dem Fall der Mauer nicht als konkurrenzloses Modell auf der welthistorischen Bühne betrachtet werden konnte. Politik mit ihren archaischen Attributen der ideologischen Unversöhnlichkeit, der nationalen, ethnischen und religiösen Hegemonialansprüche und des Krieges erschien mit einem Male wieder so zeitgenössisch wie eh und je. «Das Ende der Geschichte» wurde durch den «Kampf der Kulturen» ersetzt. Der Kalte Krieg mochte überwunden sein – der Krieg als solcherwürdeweitergehen. Die Rückkehr des Politischen – in der archaischen Maske des religiösen Fanatismus – prägte das politische Bewusstsein zu Beginn des neuen Jahrtausends. Bestimmt wurde die Neuorientierung im revidierten Verständnis der post-kommunistischen Ära allerdings von einem fundamentalen Dualismus: Auf der einen Seite stand die globale wirtschaftliche Integration, welche in der progressiven Liberalisierung der Märkte und der Politiksysteme den Weg zu weltumspannender Prosperität erblickte. Auf der anderen Seite stand der unversöhnliche Wertefundamentalismus, den es mit Unerbittlichkeit und aller militärischen Härte zu bekämpfen galt. Diese weit geteilte Sicht der Dinge fand ihren konzentriertesten ideologischen Ausdruck im so genannten Neokonservatismus der Bush- Administration, welche die demokratischeWelt durch eine entsprechende Doppelstrategie verteidigen wollte: Wirtschaftlich setzte sie auf massive Steuersenkungen und Deregulierungen, insbesondere des Finanzmarktsektors. Politisch setzte sie auf einen westlichen Wertefundamentalismus und unilaterale, militärische Intervention. Wir haben nach dem Kalten Krieg simultan in einer doppelten Welt gelebt: dem liberalen Post-Histoire, von demein Fukayama träumte, und dem militärischen Demokratieexport amerikanischer Geostrategie. Auch diese Epoche dürfte an ihr Ende gekommen sein, wobei dasWendedatum der 15. und nicht der 11. September ist, anno 2008 und nicht 2001. An diesem Tag musste die Wall Street Bank Lehman Brothers Insolvenz anmelden, wodurch das internationale Finanzsystem von einer Kettenreaktion erfasst wurde, deren Ende wir noch nicht absehen können. Die Wall Street Banken existieren nicht mehr. Der internationale Bankensektor wurde nur durch weitgehende Verstaatlichungen am Kollabieren gehindert. Staatliche Investitionsprogramme, wie man sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gesehen hat, sind in aller Eile aufgelegt worden, um die Weltwirtschaft vor einer drohenden Depression zu bewahren. Zum zweiten Mal seit dem Mauerfall erfährt die Nachkriegsordnung eine unsanfte Korrektur. Diesmal allerdings wird der Laissez-faire-Liberalismus nicht durch historische Mächte herausgefordert, die ihn vermeintlich von aussen zu bedrängen scheinen. Die Systemkrise ist immanent. Das bedeutet natürlich nicht die Rückkehr des Status quo ante:Wir werden auch auf Grund der Finanzkrise nicht zurückkehren in eine Epoche staatssozialistischer Diktaturen. Es wird aufgrund der Verwerfungen des Finanzsystems die Globalisierung nicht rückgängig gemacht werden. Aber plötzlich finden die Debatten zur Krisenbewältigung wieder in überwunden geglaubten Kategorien statt. 

Staatsintervention ist nicht mehr ein blosses Defensivprogramm von unbelehrbaren Ewig-Gestrigen, sondern das unabweisbare Gebot der Stunde. Gut eine Generation nach seinem Ende stellen wir ungläubig fest: Noch immer stehen wir eher hilflos vor dem Erbe des Kalten Krieges. Und alle Debatten sind wieder offen. Und was wird jetzt helfen? Über eine Notwendigkeit sind sich alle einig:Wir brauchen Verschwendung. Sie bildet den Kern der Konsumankurbelungsprogramme keynsianischer Prägung. Indem Substanz aufgezehrt wird, soll der Konsum beflügelt und der Schwung gefunden werden, die Wirtschaft wieder auf Touren zu bringen. Indem in die Infrastruktur investiert wird, sollen die Beschäftigungslage verbessert und die Grundlage für künftige Produktivitätsgewinne erzeugt werden. Die Überwindung der ewig sterilen Gegenstellung von Staat und Markt wird wohl nicht anders gelingen als durch eine produktive Assimilierung von Konzepten, die zuvor in ideologischen Eiswüsten erstarrt sind: Durch eine neue Strategie, um Bestände in Überfluss zu verwandeln. Interessant ist in diesem Zusammenhang die offensichtliche Verwandtschaft zwischen den antizyklischen Interventionsstrategien à la Keynes und dem Lob der Verausgabung bei einem Denker, der mit dem Englischen Gentleman und Breton-Woods-Architekten auf den ersten Blick nicht viel gemein hat, nämlich dem französischen Philosophen Georges Bataille. Bataille hat sich besonders interessiert für die Ökonomie des Potlatch, ein vom Ethnologen Marcel Mauss beschriebenes Ritual der Verschwendung, welches eine essentielle Funktion im Sozialgefüge bestimmter primitiver Gesellschaften spielte. Soziale Prestigekämpfe wurden bei gewissen nordamerikanischen Stämmen durch einen Wettlauf der gegenseitigen Beschenkung, durch Umverteilung von Gütern und manchmal durch die schlichte Zerstörung von Wertgegenständen ausgetragen. Bataille steht zwar in der Tradition des französischen Nietzscheanismus, d.h. seine höchste philosophische Aspiration bilden Erfahrungen einer atheistischen Souveränität, Grenzerfahrung der rückhaltlosen Lebensbejahung. Doch die Beschwörung einer säkularisierten Mystik verbindet Bataille besonders in späteren Jahren mit der Ökonomie des Potlatch. Zunächst eröffnen sich die Transgressionen, von welchen Bataille umgetrieben wird, in Erfahrungen der Gewalt und der Sexualität, durch Grenzgänge des Eros und des Todestriebes. Ihren Kulminationspunkt finden sie im Krieg, der gewaltigsten Form von Verschwendung und Zerstörung. Jedoch gibt es – dies wird spätestens mit Batailles Schrift über «Das verfemte Teil» deutlich, eine Schrift welche unter anderem eine philosophische Spekulation über Politik und Ökonomie nach dem Zweiten Weltkrieg darstellt – auch eine andere Form der Grenzüberschreitung, der Verausgabung, der Entgrenzung und der Grosszügigkeit: die Umverteilung. Bataille erkennt im Marshall-Plan – einem der grössten Investitionsprogramme der Geschichte – eine «Gabe» im emphatischen Sinn des Potlatchs, die Begründung eines wohlfahrtsstaatlichen Souveränitätsregimes, eine Strategie das zerstörerische Erbe des Zweiten Weltkrieges anzutreten und zugleich zu überwinden. Allerdings besteht die Nachkriegsordnung, die ‘45 entsteht, nicht nur aus dem westlichen Wohlfahrtsstaat, sondern auch aus den Konflikten der Entkolonialisierung und schon bald im mit der nuklearen Vernichtung des Planeten pokernden Kalten Krieg. Es gibt immer zwei Formen des Potlatch: Die Zerstörung oder die Umverteilung, die Grosszügigkeit oder den Kampf. Fatalerweise wird die Verschwendung imInnern einer politischen Gemeinschaft desto plausibler, je tödlicher die Bedrohung von aussen ist. Bataille war überzeugt, dass die einzige welthistorische Macht, welche es hat fertig bringen können, den westlichen Kapitalismus zu humanisieren, die epochale Vernichtungsdrohung des stalinistischen Terrorregimes gewesen ist. Das ist ein unerbittliches, man muss heute hoffen, ein zu unerbittliches Verdikt über die Grosszügigkeitsressourcen der neuzeitlichen Demokratie. Dass gut eine Generation nach dem Untergang von Stalins Erben die siegreiche westlicheWelt nun allerdings in eine so fundamentale, hausgemachte Schieflage gerät, plädiert dafür, dass die Hypothese nicht völlig falsch sein kann. Den kalten Krieg überwinden? Sein Erbe wäre definitiv zu verschwenden. Der Krieg, die Blockbildung, die Prestigekämpfe der ungezügelten Konfrontation müssen überwunden werden durch das Potlatch einer universellen Umverteilung, der Verausgabung, des produktiven Verzehrs. Es ist ein weit gestecktes Programm. Aber zu seiner Umsetzung waren die Bedingungen vielleicht kaum je besser als heute.