Im Direktionsbüro des Theater Neumarkt trafen sich die Schauspielhaus-Intendantin Barbara Frey und der Theaterautor Reto Finger mit den Kodirektoren Barbara Weber und Rafael Sanchez und dem Chefdramaturgen Cihan Inan zum Gespräch.
| Inan: | Reto, du hast Jura studiert, eine Zeit lang auch als Gerichtsschreiber gearbeitet und schreibst heute Theaterstücke, die vor allem durch kurze, knappe Dialoge bestechen. Bei einem Gerichtsschreiber stelle ich mir vor, dass er dokumentarisch beschreibend arbeitet. Dialogszenen zu schreiben ist doch eigentlich ganz was anderes. |
| Finger: | Ich interessiere mich für das Verknappen von Texten. Im Theater ist der Text „nur" eine von vielen Komponenten. Dessen muss man sich bewusst sein. Aber klar, einfach fällt mir das nicht, Sätze, die mir über die Monate sehr lieb geworden sind, dann wieder zu streichen. |
| Frey: | Es gibt den berühmten Spruch: „Was gestrichen ist, leuchtet im Dunkeln." Deshalb würde ich dir da widersprechen, dass etwas verloren geht. Es geht nichts verloren. |
| Finger: | Ja, das hoffe ich jeweils sehr. Und manchmal leuchten sogar Dinge, die ich nicht nur nicht dringelassen, sondern nicht mal bedacht habe. Das sind tolle Momente. |
| Weber: | Ich denke, ein Text ist sowieso erst am Tag der Premiere wirklich abgeschlossen. Deshalb würde ich dir raten, ihn nicht einfach wegzugeben, sondern die Proben zu besuchen … |
| Sanchez: | Bei der Arbeit an Uraufführungen fällt es schwer, die Essenz eines neuen Textes gleich zu erfassen. Es ist nicht einfach, sich für eine Uraufführung zu entscheiden. Klar kann man sagen, das Thema gefällt mir und die Figuren sind einigermassen schön, aber das Stück in der Gesamtheit erkennt man erst in der Leseprobe. Es ist sehr schwer zu beurteilen, ob ein Stück gut ist oder nicht. Ich habe schon oft erlebt, dass ich dachte, ich versteh nichts, rein gar nichts. Und dann, nach zwei Probetagen, stellt man fest, dass man den verborgenen Kern zu entdecken beginnt. |
| Weber: | Wenn man zurückblickt auf die letzten drei Jahre, auf die Zeit, seit wir hier sind, sind es gerade diese Prozesse und diese Auseinandersetzungen gewesen, die besondere Abende hervorgebracht haben und an die man sich gerne erinnert. Das Theater lebt eben auch von diesen Versuchen, den Texten auf unterschiedlichste Weise auf den Grund zu gehen. |
| Frey: | Aber das ist ein wichtiger Punkt: dass wir nicht wissen, wie es geht und ganz oft nicht verstehen. Denn wenn wir es verstanden haben, müssen wir es ja eigentlich nicht mehr machen. Wir müssen eine Erfahrung machen, und die machen wir nur, wenn wir am Ausgangspunkt einfach noch nichts wissen und dann gemeinsam dahin kommen, es zu verstehen. Ich bin immer skeptisch, wenn Leute sagen, sie haben einen Text verstanden. Wenn es abgeschlossen ist, ist es nichts Künstlerisches mehr. |
| Inan: | Wie ist es denn im Vergleich dazu mit der Musik? Bei Texten hat man ja Buchstaben, kurze Wörter, aneinandergereiht … |
| Frey: | Es gibt nichts ausserhalb der Musik. In dem Moment, wo etwas ausgesprochen und nicht nur gelesen wird, ist es auch Musik. Letztlich ist Theater ja einfach Klang. |
| Finger: | Musik schafft es, mich innerhalb kürzester Zeit emotional zu berühren. Das schafft ein Text, den ich lese, nicht. Auch die Erinnerung an gehörte Musik und an einen gelesenen Text unterscheidet sich. Irgendwie ist das in meinem Hirn an verschiedenen Stellen abgelegt. |
| Frey: | Trotzdem, glaube ich, nehmen wir Musik nicht nur durchs Ohr auf. Wir haben noch irgendwelche andere Organe zur Rezeption von Musik und das finde ich eigentlich toll. Das Auge zum Beispiel nimmt Musikalität auch wahr, wenn man auf ein grossartiges Gemälde schaut. Man sieht über das Auge auch den Rhytmus, den das Gemälde hat, und damit seine Musikalität. |
| Weber: | Ich habe kürzlich eine Sprachperformance von Christian Uetz gesehen. Ich hatte immer von diesem Unterschied gehört, wenn man seine Texte liest oder wenn er sie live performt. Dass es ein anderes Erlebnis ist. Es war beeindruckend zu sehen, wie der Autor, der das wirklich geschrieben hat, zum Voodootänzer, zum Mystiker wird. Er arbeitet ganz genau mit dem Publikum: „Jetzt springe ich wieder, jetzt performe ich exakt für die Person da hinten, jetzt spinne ich diesen Faden fort.“ Er produziert während seiner Performance mit dem Zuschauer im Raum etwas extrem Musikalisches, wir werden alle mit ihm zu einem Klangkörper. An Stellen, wo man den Inhalt vielleicht gar nicht richtig versteht, versteht man ihn dann aber gefühlsmässig, weil Uetz sie körperlich deutet. |
| Frey: | Der Text bewegt sich. Der Text hat sein Eigenleben in dem Moment, in dem wir uns mit ihm beschäftigen, und es kann sein, dass der Text an einem Tag ganz spröde und verschlossen ist – und am nächsten Tag springt uns der Text liebevoll ins Gesicht und wir können mit ihm umgehen. Wenn der Text starr ist, sind wir auch starr. Der Text lebt immer, permanent. |
| Sanchez: | Der Text wird überhaupt erst an der Premiere mit dem Publikum ganz zum Leben erweckt. Bis dahin hat man 50 Prozent. |
| Inan: | In diesem Zusammenhang ist es interessant, über die Zugänglichkeit solcher Vorgänge für Aussenstehende zu sprechen. Der Theaterkunst wird ja oft vorgeworfen, elitär zu sein. |
| Finger: | Der Begriff der „elitären Kunst“ ist negativ konnotiert. Es gibt heutzutage eine Tendenz, von der Kultur zu verlangen, mehrheitsfähig zu sein. Das ist der falsche Weg. Theater ist nicht erst dann legitim, wenn es rentiert. Wir müssen mit viel mehr Selbstvertrauen ans Werk: Wir sind eine exklusive Insel und wir kämpfen dafür, dass sich die Gesellschaft diese exklusive Insel leistet. Fünftausend Jahre Menschheitsgeschichte geben uns recht. |
| Frey: | Das Wesen der Kunst ist, dass sie nicht nach Effizienzkriterien oder Nützlichkeitswahn geschaffen werden darf oder kann und auch nicht danach beurteilt werden sollte. Das ist dieses Grundmissverständnis. Je effizienter die Welt wird, je ökonomischer, auch je marktorientierter, desto schwieriger wird es. Natürlich ist die Kunst nicht sinn- und nutzlos. Aber unter diesen Kriterien wird es immer schwieriger. Natürlich könnte ich einem Poeten sagen, „Was nützt mir Ihr Gedicht?“, und er würde antworten, „Es nützt Ihnen nichts.“ Es ist ja eben der Mehrwert, den wir davon haben, dass wir ohne das Imaginierte und das Imaginäre nicht leben können, und das gibt die Kunst und nicht der Markt. |
| Weber: | Gerade im Literaturbetrieb, stelle ich fest, gibt es auch diesen überbordenden und schnelllebigen Markt, in dem ständig Neuerscheinungen quasi abgefertigt werden. Dieses feuilletonistische Denken, dass ein Buch „heiss“ und „talk of the town“ ist – und dann kommt es in allen Feuilletons und die Journalisten interessieren sich schon kurz danach nicht mehr dafür und du denkst: Ein Buch ist vielleicht generell gut oder schlecht, aber es kann doch nicht innerhalb von sechs Wochen völlig nutzlos sein. |
| Frey: | Aber das, was du jetzt sagst, ist doch das Stichwort überhaupt. Der Aktualitätswahn, der vom Journalismus betrieben wird, frisst sich in alles rein. Wir werden vergangenheitslos und dadurch letztlich gegenwarts- und zukunftslos. Und der Gegenwartswahn des Aktualitätenjournalismus ist überhaupt nicht kompatibel mit irgendeinem Kunstbegriff. |
| Weber: | Man muss aber wirklich aufpassen, dass man sich da nicht anstecken lässt und sich Zeit nimmt, Literatur noch wirklich zu lesen. Nicht dauernd junkiemässig „Spiegel online“ liest und panisch versucht, am Theater mit den News mitzuhalten. Ich empfinde in diesem Zusammenhang auch, dass ein Autor oder ein Künstler in der Schweiz nicht mehr eine so wichtige Funktion hat. Hier sind die Götter die Banker, selbst die Politiker haben diesen Status nicht. Es ist nicht mehr so wichtig, was ein Intellektueller oder ein Autor sagt. Das alles hat schon an Relevanz eingebüsst. |
| Frey: | Heute kann jeder auf der ganzen Welt überall etwas kritisieren, einen skandalisierenden Aufruf machen. Und das, glaubt man, sei eine Form von sinnvoller Kommunikation. Ich würde das bezweifeln. Ich glaube, dass diese Massenkommunikationsmittel dazu geführt haben, dass man nicht mehr argumentieren muss. Viele Debatten werden extrem undifferenziert geführt. |
| Finger: | Es geht nicht mehr darum, etwas genau zu erörtern. Es reicht vollkommen, laut und schrill zu behaupten. Wir waren vorher beim Thema zunehmende „Newsalisierung“. Wir sind in schnelleren, kürzeren, diversifizierteren Einheiten unterwegs. |
| Weber: | Dass diese Einheiten immer kleiner werden, kommt mir auch so vor. Nur schon durchs Handy. Alles piepst. Manchmal denke ich, einfach eine Stunde zu lesen oder ein längeres Gespräch mit jemandem zu führen, ohne unterbrochen zu werden, das ist wirklich etwas Aussergewöhnliches. |
| Frey: | Es gibt offensichtlich eine bestimmte Kategorie von Konzentration nicht mehr. Du hast ja vorher gesagt, dass Dinge schnell als elitär gelten, wenn sie von einem vermeintlich kleineren Kreis konzipiert oder rezitiert werden. Das Elitäre macht Angst, aber auch das Konzentrierte macht Angst. |
| Sanchez: | Ja, das finde ich auch. Erstens, weil man anfangen muss über Dinge nachzudenken und sich daraus nicht immer schöne Konsequenzen ergeben, und zweitens, weil man Angst hat etwas zu verpassen, wenn man sich nur auf eine Sache fokussiert. Ich finde beides sehr anstrengend … |
| Finger: | Ich finde die Frage aber spannend, ob eine solche Welt auch Vorteile bietet: Heute ist jede Information überall jederzeit verfügbar. Das war früher ein Privileg der Geheimdienste. Im Hinduismus gibt es ein Gleichnis, wonach sich über die Welt ein Netz spannt, in dessen Knoten sich jeweils die ganze Welt spiegelt. Die Parallelität zur heutigen Informationsgesellschaft mit Smartphones ist verblüffend. Da findet eine Verschiebung des Denkens statt, die mich nicht nur bedroht, sondern auch inspiriert. |
| Inan: | Dieses Spannungsverhältnis zwischen Konzentration und Aktualitätswahn, in welchem Zusammenhang steht dazu die Entwicklung des Spielplans für eine Spielzeit? Man hat ja meistens ein Spielzeitmotto, versucht darin unsere aktuelle Wahrnehmung der Welt, wie wir sie verstehen, wiederzugeben. Im Schauspielhaus ist das Motto „Theater und Katastrophe“ … |
| Frey: | Wobei, das ist kein Motto. Wir arbeiten nicht mit einem Motto. Das haben wir noch nie gemacht, das können wir gar nicht. |
| Sanchez: | „Glaube Liebe Hoffnung“ ist so praktisch als Spielzeitmotto. |
| (Gelächter) | |
| Frey: | Es war überhaupt kein Motto, das hat mich einfach beschäftigt, im Zusammenhang mit diesen aufeinanderfolgenden Katastrophen. |
| Inan: | Aber wie siehst du die Verbindung von Theater und Katastrophe? |
| Frey: | Der Mensch fabriziert Kunst auf die eine oder andere Art, und diese ist von Katastrophen durchsetzt. Wir kommen mit den Verheerungen des Lebens nicht klar. Wir können bis heute schlecht damit leben, dass wir sterben müssen. Wir verstehen nicht, warum das Alter oft etwas nicht so Schönes ist, dass man krank und aus der Gesellschaft ausgesondert wird. Wir kommen nicht damit klar, dass wir unsere Träume nicht kontrollieren können oder dass die Träume böse sind und über uns kommen. Wir sind im Schopenhauer’schen Sinne einfach erniedrigt und beleidigt von unserer eigenen Natur und auch davon, dass wir permanent Katastrophen veranstalten. inger: Ich finde bemerkenswert, dass wir im Zusammenhang mit Katastrophen immer wieder vom Untergang der Welt sprechen. Aber das ist natürlich eine falsche, wenn auch menschliche Betrachtung der Dinge. Von Katastrohen und vom Untergang bedroht ist der Mensch, nicht die Welt. |
| Inan: | Unser Spruch ist ja „Spielen bis zum Umfallen“ und ist auch zweideutig zu verstehen. Einerseits die totale Erschöpfung bis zum Totumfallen und andererseits eine extreme Spielfreude. Eine lustvolle Katastrophe sozusagen. |
| Weber: | „Spielen bis zum Umfallen“ ist entstanden, weil wir letztes Jahr viele neue Schauspieler engagiert haben, und das bringt auch immer neue Energie. Die Schauspieler, die Menschen ins Zentrum stellen. Ich finde es wichtig, dass man Kraft bündelt und mobilisiert. Es ist eine Art „Re-Start“ für uns. Dieses „Spielen bis zum Umfallen“ ist aber eher ein Slogan. Es ist am Neumarkt nicht so interessant, einen Klassiker 1:1 zu inszenieren. Wir haben für die kommende Spielzeit einfach einen Raum, der sehr direkt sein wird und ohne Rampe. Diese Verengung ist zugleich eine Öffnung und kann etwas Reichhaltiges hervorbringen. |
| Finger: | Ich bin ja immer ein wenig eifersüchtig auf die Theaterarbeitenden, weil sie Familie verkörpern. Dieses gemeinsame Arbeiten, Suchen und Leben. |
| Weber: | Ja, man hat immerhin zwei Monate Zeit. |
| Sanchez: | Das ist im russischen Theater ganz anders. Da fängt man an zu proben, und der Premierentermin ist noch lange nicht festgelegt. Die können sich ein System wie das unsere gar nicht vorstellen. Also irgendwann nach einem halben Jahr, nachdem alle Schauspieler mal alle Rollen gespielt haben, kommt dann vielleicht die Ansage: „Jetzt können wir in zwei Monaten die Premiere spielen.“ |
| Weber: | Wir haben auch eine gewisse Freiheit. Da wir am Neumarkt nicht gezwungen sind, alles abdecken zu müssen, was unsere Stückauswahl betrifft, können wir einfach in eine Kerbe hauen und sagen, das wollen wir machen, mit dem beschäftigen wir uns ein Jahr. Das finden wir interessant. Am Ende haben wir vielleicht etwas verstanden oder etwas hinterlassen. Ich glaube, bei uns ist diese Diversität gar nicht so interessant wie an anderen Kulturinstituten. Uns geht es mehr um die Konzentration und, damit verbunden, die intensive Suche nach einem bestimmten Audruck. |
| Sanchez: | Das ist ein gutes Schlusswort. Danke! |