Eine Reise mit Daniel Cohn-Bendit

von Constantin Seibt

„Sie lügen!”, sagte Daniel Cohn-Bendit.

„Ich verwahre mich dagegen, zu lügen!”, sagte der Schaffner der Deutschen Bahn.

„Doch, Sie lügen! Das ist kein technischer Defekt!”, konterte Cohn-Bendit: „Das passiert jedes vierte Mal. Sie haben einfach die falsche Lokomotive. Sie passt nicht auf die belgischen Gleise.”

„Wenn Sie weiter behaupten, dass ich lüge, muss ich Konsequenzen ergreifen!”, sagte der Schaffner. „Es ist ein technischer Defekt!”

„Welcher denn?”, fragte ich.

Aber da war die Sache bereits vorbei. Cohn-Bendit hatte bereits in einer einzigen gelassenen, resignierten Geste abgewinkt und der Schaffner sich zwei ebenso geschmeidige Schritte zurückgezogen. Es war, als hätte man einem Kampf zwischen zwei Katern zugesehen: Schnelle Tatzenhiebe und dann das elegante Abdrehen.

Worum es ging, war Folgendes: Der Direktzug Frankfurt-Brüssel fuhr nur bis Aachen. Angeblich wegen eines Defektes. „Scheisse”, sagte Cohn-Bendit, und startete eine Serie von Telefonaten: „Ich bin im Zug. Es gibt Probleme. Ich weiss nicht, wann ich da bin.”

Dann kam der Schaffner mit dem nächsten Angriff.
„Haben Sie eine Drehgenehmigung?”

Cohn-Bendit sagte: „Ich habe die Drehgenehmigung erteilt!“

„Sie sind dafür nicht zuständig. Sie brauchen eine Drehgenehmigung der Deutschen Bahn!”

„Ich habe schon Dutzende Male im Zug gedreht!”

„Tut mir leid, aber ich mache nicht die Regeln. Die macht die Deutsche Bahn …”

„In Deutschland hat man schon immer irgendwelche Regeln umgesetzt, die jemand anders gemacht hat!”

„Ich bin hier nur der Ausführende!”

Cohn-Bendit knurrte: „Ja, ja. Das sagen alle!”

Und wieder trennten sie sich wie zwei Kater. Der Kameramann hörte auf zu drehen. Und erneut war es verblüffend, wie sich Cohn-Bendit, eben noch zornig, sofort entspannte. Ohne jede Anstrengung. So wie eine Operndiva das hohe C verlässt oder ein Bodybuilder einen Betonblock ablegt. Cohn-Bendit ist ein Künstler und ein Spitzensportler des Streits.

Nicht umsonst gilt der Co-Fraktionsvorsitzende der Europäischen Grünen als bester Redner des EU-Parlaments. Auch, weil er sich bei vielen Voten nach drei Minuten bereits in maximales Feuer geredet hat – und das bis zum Schluss durchhält, ohne an Klarheit, aber auch an Erregung zu verlieren. „Das ist fast ein sportliches Ereignis“, wie ein Korrespondent sagte.

Oder auch beim Wahlkampf 2009: Cohn-Bendit schaffte es, die zersplitterten französischen Grünen zu einem zuvor nie erträumten Wahlsieg zu führen, indem er zwei Dinge lieferte: eine von keinem anderen Politiker gewagte Begeisterung für die EU. Und dazu den rauen Ton der Strasse. Bei den TV-Debatten sagte er seinen Konkurrenten Dinge wie „Halt den Mund“ – und blieb dabei vollkommen locker. Am Ende gewannen die Grünen 16,6 Prozent – nur 0,2 Prozent weniger als die Sozialisten.

Seitdem gelten die Grünen in Frankreich als eine Macht. Und Cohn-Bendit als ihr möglicher Präsidentschaftskandidat. Etwas, das er entschieden ablehnt: „Ich habe nicht mal eine Krawatte.” Und: „Wenn man mich zum Präsidenten wählen würde, würde ich mich umbringen. Mein Leben wäre kaputt. Ich möchte ohne Bodyguards durch die Strassen gehen.”

Doch an diesem Montag hatte Cohn-Bendit eine Abstimmung verloren: Das orangefarbene Plastiktelefon klingelte, Cohn-Bendit sagte sein lockendes „Daniiii” in den Hörer und dann auf Französisch: „Na klar! Es ist eine Niederlage. Na und? Was interessiert mich das? Das ist die Demokratie! Das ist das Leben!”

Für einen Politiker klang das erstaunlich überzeugend. Dann kam der nächste Anruf. „Daniiiiii”, sagte Cohn-Bendit, „Wie ich mich fühle? Was glauben Sie denn? So ist das Leben! Wir haben nicht genug mobilisiert … Also haben die anderen gewonnen … Das ist alles. Und ich habe jetzt viel mehr freie Wochenenden …”

Worum es ging? Um einen Machtkampf im Präsidium der französischen Grünen. Cohn-Bendit hatte ein lockeres Parteimodell vorgeschlagen, die obersten Funktionäre ein traditionelles. Es kam zu einer landesweiten Abstimmung der Basis. Und die Funktionäre gewannen mit über 50 Prozent. Cohn-Bendits Vorschlag ging mit 26 Prozent unter.

„Die Abstimmungsbeteiligung war miserabel. Also haben eigentlich alle verloren!”, sagte Cohn-Bendit am Telefon.

Er legte auf. Ich sagte: „Also zu unserem Interview. Sie haben mehr als 40 Jahre Politik gemacht – nur nie in Entscheidungspositionen. Dafür in den verschiedensten Rollen …”

Er lehnte sich zu mir herüber: „Zunächst: Dass ich in Frankreich und Deutschland Politik mache, das hat seine Gründe in der Biografie. Meine Eltern waren deutsche Juden, die 1933 nach Frankreich ins Exil gingen. Ich wurde gezeugt beim ersten biologisch möglichen Eisprung nach der Landung der Alliierten in der Normandie – ein Kind der Befreiung …”

Das Telefon klingelte. Cohn-Bendit nahm ab. Ich begann zu begreifen, dass ein 4-Stunden-Interview im Zug mit ihm vor allem hiess: ihm bei Telefoninterviews mit anderen Zeitungen zuzuhören. Kaum sprach man mit ihm zwei, drei Sätze, rief jemand an. Und wenn nicht, rief er selbst jemanden an. Er telefonierte, wie andere atmen.

Worum wäre es beim Interview mit ihm gegangen?

Cohn-Bendit ist der berühmteste Politiker Europas, der nie in einer Regierung sass. Er machte eine Weltkarriere mit 23, fast über Nacht. Zuvor war er ein unbekannter Student. Und wenige Wochen später Sprecher der Revolte. Im Mai ’68 stand er auf dem Gare du Nord und schrie: „Wir wollen nicht den Rücktritt von ein paar Ministern. Wir wollen die Revolution!“ Und das hielt niemand für leere Worte. Ein paar phantastische Wochen stand der Staat auf der Kippe. Präsident de Gaulle floh aus Paris. Doch dann schlugen Militär und Polizei zu. Cohn-Bendit wurde nach Deutschland ausgewiesen. „Das hat mich gerettet”, sagt er später dankbar. „Ich kam mit meiner Rolle nicht zurecht – so wie ein Rockstar.”

Cohn-Bendit, ein eher undogmatischer Marxist mit Slogans wie „Revolution heisst: Austern und Champagner für alle!”, schlug sich in der ernsten linksradikalen Szene von Frankfurt durch. Nicht ohne Krach. Auf seinen Wunsch, „nach der Revolution Sportreporter zu werden”, antwortete etwa eine kommunistische Zeitung: „Nun, die Revolution wird da anderer Meinung sein. Entweder wird er von der Arbeiterklasse eine nützliche Arbeit zugewiesen bekommen, etwa in einer Fischmehlfabrik in Cuxhaven, oder er wird während der Revolution von den Massen an den nächsten Baum befördert.”

Er lebte in einer WG mit dem späteren deutschen Aussenminister Joschka Fischer, war Dolmetscher Sartres bei dessen Besuch der RAFTerroristen im Gefängnis in Stammheim, arbeitete als Verkäufer in der „Karl-Marx-Buchhandlung”, in einer antiautoritären Kinderkrippe und als Chefredakteur des linksalternativen Magazins „Pflasterstrand”, bevor er 1984 der Grünen Partei beitrat – und die damalige strickende Parteimehrheit mit gemässigten Positionen ärgerte.

In den 90er Jahren arbeitete Cohn-Bendit in Frankfurt als Stadtrat „für multikulturelle Angelegenheiten” – allerdings nur ehrenamtlich: Eine Anstellung, sagte er, hätte ihn in Abhängigkeit geführt. Er wurde 1994 für die Grünen ins europäische Parlament gewählt und nahm Jobs im Fernsehen an: Als Talk-Show Gastgeber für Politik, dann auch für „Dinge, die mich reizen, weil ich keine Ahnung habe”: In der Schweiz leitete er fast 10 Jahre den Literaturclub, wo er die Profi Kritiker mit kitschigen Büchern wie „Geh, wohin dein Herz dich trägt” schockierte. Und in Frankreich verwirklichte er sich – auch ohne vorgängige Revolution – seinen alten Traum: Er wurde Fussballkommentator.

Fragen dazu interessierten ihn kaum: „Wie wird man unter Tausenden eigentlich Revolutionssprecher?”, „Woher die strenge Unhöflichkeit der linksradikalen Protest-Szene – ist das nicht Protestantismus?”, „Wie schafften Sie, den Aussenminister Fischer von der Teilnahme am Bosnienkrieg zu überzeugen?”, „Was glauben Sie, kann man in einem Parlament mit über 700 Köpfen ausrichten?” beantwortete er meist mit ein paar zerstreuten Worten: „1968? Lange her … Ich war damals 23, das hab ich fast alles vergessen” oder „Ach, wenn man diskutiert, fallen raue Worte. Das schockiert mich nicht.” Oder: „Ich war nicht Berater von Fischer. Ich war nur ein Freund, mit dem er geredet hat”.

Meistens antwortete er nicht, sondern nahm erneut das Telefon ab, um Parteikollegen oder weitere französische Journalisten zu sprechen. Im Grunde sagte er nur zwei Sätze zu seiner Biografie: „Ich bin kein Mensch mit grosser Strategie. Ich bin gut im Erfassen von Situationen. Ich sehe Gelegenheiten: Ich weiss sehr schnell, was ich tun und sagen muss.” Und: „Ich bin nicht wie Joschka Fischer. Ich wollte nie Macht, nur Einfluss.”

In Aachen mussten wir eine Stunde auf den Anschlusszug nach Brüssel warten. Wir strandeten in einem Café. Cohn-Bendit telefonierte mit seinem Bruder („Es ist eine Niederlage, aber je m’en fous”), während ich einige Rentner betrachtete, die sich durch die schwüle Nachmittagshitze quälten. Als er aufhängte, sagte ich: „Sie telefonieren ziemlich viel.”

„O ja”, sagte er: „Ich bin ein gern gesehener Gast der Presse.”
„Sagen Sie mal: Wie viele Interviews haben Sie eigentlich in ihrem Leben gegeben?”

Es war das erste und letzte Mal, dass er länger nachdachte. Als er fertig war, ging ein Leuchten über sein Gesicht. „Ich glaube … eine Million!” Dann, auf dem Bahnsteig, als wir auf den TGV warteten, sagte er: „Sehen Sie! Alle diese Leute fragen mich, warum ich nicht zum Kongress reise, nachdem ich verloren habe. Ich gebe zu, dass das aussieht wie ein schlechter Verlierer. Aber die Bürokraten in meiner Partei haben gewonnen. Und was soll ich ohne Einfluss dort? Ich könnte nur eine Rede halten.”

„Aber Politik – das ist doch vor allem Hartnäckigkeit. Genau das ist der Grund, warum Bürokraten immer mehr Einfluss haben werden als Sie”, sagte ich.

„Mir ist ein freies Wochenende lieber. Wenn Erfolg in der Politik heisst, dass sie mein Leben zerstört, dann kann sie mir gestohlen bleiben.”

Damit machte er sich erneut ans Telefon, um seine Niederlage zu erklären, von der ich langsam doch anzunehmen begann, dass sie ihn mehr schmerzte als zunächst angenommen.

Zurück im Zug, während wir kurz über die EU und die Schweiz sprachen („Die Wurstelmaschine in Brüssel ist nicht wursteliger als es die Schweizer Kompromisse in Bern sind. Wie werden Probleme in Bern gelöst? Das ist dort auch eine Kompromissmaschine, wo man am Ende nicht weiss, wie es am Anfang war.” Und: „Die Schweiz lebt in der Nische. Sie profitiert davon, dass alle wirklichen Probleme – Konjunktureinbrüche, die Regulation des Finanzsystems, der Klimawandel – von der EU angegangen werden. Allein auf einer Insel hätte die Schweiz keine Chance. Trotzdem werden die Schweizer nicht der EU beitreten, bis etwas ganz Gravierendes passiert. Dann werden sie dastehen und Mamma rufen.”), dachte ich darüber nach, was Cohn-Bendits Charme ausmachte – trotz seiner offensichtlichen Gleichgültigkeit.

Ich sah ihm zu, wie er mit seinem Telefon durch den Zug tigerte, hier und dort einen Parlamentarierkollegen grüsste, sich für drei Fragen setzte und wieder aufstand. Und kam darauf: Nichts von seinen Bewegungen, nichts von seinen Argumenten, nichts von seiner offensichtlichen Eitelkeit hatte etwas Hektisches. Alles waren fliessende Bewegungen. Es war, als würde man eine Katze beobachten. Sogar seine Unhöflichkeit, mitten im Gespräch das Telefon zu zücken, um eine Nummer zu wählen – sie hatte dieselbe gleichgültige Unverschämtheit, die die Natur hat.

Als wir in Brüssel ankamen, fragte er: „Sie haben meine Nummer, nicht?”

Ich nickte. Er sah mir in die Augen und sagte: „Bei jeder Frage, die Sie haben! Rufen Sie einfach an!”

„Kein schlechter Tipp”, sagte ich.

Cohn-Bendit hatte schon wieder das Handy am Ohr. Es war erneut die französische Presse. Als er abging, hörte ich, wie er sagte: „Was wollen Sie? Das ist das Leben … Das ist das Leben … ”

Daniel Cohn-Bendit wird unter dem Titel „Die Gedanken sind frei“ ab September im Theater Neumarkt an vier Abenden mit vier Autoren über Literatur reden. Ohne Handyempfang.

Constantin Seibt