Tourismus

Russen in St. Moritz

Interview mit Dr. Hanspeter Danuser, Markenbotschafter für St.Moritz und ehemaliger Kurdirektor

THEATER NEUMARKT: Zur Zeit des Kalten Krieges gab es zwei Blöcke, die eine klareWelteinteilung zuliessen und heute stehen die Russen in St.Moritz. Inwiefern hat ein Fremdenverkehrgebiet wie St. Moritz, das berühmteste der Schweiz, zu spüren bekommen, dass die Welt seit 1989 eine andere geworden ist?

HANSPETER DANUSER: St. Moritz war immer schon kosmopolitisch und international, wir sind quasi der Inbegriff eines «Global Village», ein Epizentrum des Kapitalismus. Seit der Wende hat sich dies natürlich noch stärker ausgeprägt. Was die Russen betrifft, die waren schon vor der Revolution hier und auch in den 90er Jahren in Form von Teams, die hier trainiert haben. Die Russen des Kalten Krieges passen ja eigentlich nirgends schlechter hin als nach St. Moritz; die Spartaner des 20. Jahrhunderts feiern sozusagen bei den Hedonisten und Kapitalisten. Diese Widersprüchlichkeit fasziniert natürlich die Medien und führt zum Teil auch zu skurrilen Berichterstattungen. Man konnte schon Mitte der 90er Jahre in der Weltwoche lesen, dass die Russen St. Moritz übernähmen, und dabei waren es genau 129 Russen auf etwa 100’000 Übernachtungsgäste in jenem Winter, von Übernahme also keine Spur!

TN: Und ist das so geblieben?

HPD: Heute haben wir schon um die 5000 Russen hier in der Wintersaison, das macht von den Besucherprozenten ca. 5% aus, von den Logiernächten jedoch bis zu 10%, weil die Russen in der Regel fast doppelt so lange bleiben wie die andern, und zwar primär in 4- und 5- Sterne Unterkünften.

TN: Leute aus der Tourismusbranche berichten, dass russische Gäste einen anderen Umgang mit Reichtum und dessen Zurschaustellung pflegten als man es in diesem diskreten Gewerbe gewöhnt ist, und dass andere Gäste an dieser «Protzerei» oft Anstoss nehmen. Kennen Sie dieses Phänomen, oder fällt das in St. Moritz nicht so auf,weil es seit jeher ein extrovertierterOrtwar?

HPD: Es fällt hier wirklich nicht so auf. Natürlich gab es während der Jahre verschiedene Storys, aber die haben sich irgendwann absorbiert. Mittlerweile ist hier im Winter alles sehr westlich und fashionable eingepackt und meines Erachtens haben sich die Russen sehr schnell dem internationalen Set angepasst. Drei Viertel der Leute, die hierher kommen, sind Nicht-Schweizer, sie gehören den reichsten Schichten an, und die haben, na ja, in der Regel, ein gewisses Standing (Benehmen). Nicht immer, natürlich, aber wissen Sie, die anderen, die kein Standing haben, die haben Sie auch bei den Schweizern.

TN: Aber die Medien sind auf die russischen Gäste fixiert. Ist das willkürlich oder wäre daran eventuell abzulesen, dass uns die Russen eben doch fremder oder suspekter sind als andere Fremde?

HPD: Nun ja, also, ein Russe und beispielsweise ein Südkalifornier sind in ihrem Verhalten letztlich ähnlich fremd, und in St.Moritz verhalten sie sich eigentlich alle sehr angepasst.Hier kommen Leute aus 220 Ländern zusammen und darunter gibt es Einwohner aus Nationen, die besondersmächtig oder exotisch sind, dazu gehören nachwie vor die Russen, und eswird interessanterweise immer noch das Klischee des Eisenfressers, der ins überzüchtete St.Moritz geht, bedient, umin denMedienmit einer schönen Story Aufmerksamkeit zu erlangen.

TN: Dann findet also viel mehr als ein Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen eher ein Zusammenkommen einer globalisierten Fashion-Gesellschaft statt, die sich über dieselbenMarken, denselben Style auszeichnet?

HPD: Ja, klar, es ist dasselbe Geld, dasselbe Set.

TN: Sind die Leute neugierig aufeinander oder grenzen sie sich ab und bleiben völlig unter sich?

HPD: Schon im Zweiten Weltkrieg haben Vertreter sämtlicher Kriegsparteien im Palace Hotel zusammen Poker gespielt und diese Situation hat man heute in extremis. Die Crème des internationalen Business ist hier und die verkehren hier miteinander, so wie sie das Jahr hindurch miteinander verkehren. Es gibt über fünfzig Clubs, die grössten von ihnen haben über eintausend Mitglieder, welche dem Sport frönen und ein dichtes gesellschaftliches Programm haben und da müssen alle Englisch sprechen. Ich würde sagen, dass kein anderer Ort auf so engem Raum so global ist wie St. Moritz.

TN: Der Tourismus im Engadin hat sich also seit 1989 kaum verändert, abgesehen von dieser Öffnung nach Osten?

HPD: Er ist einfach noch kosmopolitischer geworden, als er es vorher schon war. Dank der Russen, der Chinesen und der Türken gibt es bei uns das berühmte Januarloch nicht mehr. Wissen Sie, es ist so viel Geld da... letzte Wintersaison ist eigentlich viel zu viel Geld im Ort gewesen und das schlägt sich dann natürlich auf die Preise nieder, sowohl auf die Lebenskosten als auch auf die Wohnpreise. Das ist eigentlich eine fast kranke Situation, die es den Leuten, die hier wohnen, nicht einfach macht. Aber es gibt halt Leute, die sind sich gewohnt, das zu kaufen, was ihnen gefällt. Nun kann man nicht ganz St. Moritz kaufen, aber immerhin eine Wohnung. Und dafür wird dann einfach alles bezahlt. Für das ganze Tal gilt, dass von fünf Wohnungen drei Zweitwohnungen sind, und damit leer. Dies sind die so genannten Kollateralschäden, die leider typisch sind für den Schweizer Tourismus.

TN: Wenn man sich die Preise der Hotels in St. Moritz anschaut, die ja bis zu 9000 Fr. pro Nacht betragen, dann ist vielleicht aber auch verständlich,warumselbst reiche Touristen für einen mehrwöchigen Aufenthalt lieber eineWohnung kaufen.

HPD: Wissen Sie, die Kosmopoliten sind sich das gewohnt. In der Sunday Times wurde kürzlich eine Statistik veröffentlicht über die zehn reichsten Strassen der Welt und darunter befand sich auf Platz sieben unsere Via Suvretta. Der Zwerg St. Moritz wird da in einem Atemzug genannt mit den grössten Weltstädten und unsere Häuser sind nicht teurer als gute Hotels in London oder Hongkong, sie befinden sich einfach auf dem Land draussen, in einem Hochtal.

TN: Als Ortsansässiger stehen Sie ja in Kontakt mit Einheimischen. Wie reagieren denn die Leute, die in St.Moritz aufgewachsen sind und diese ganze Entwicklung miterlebt haben? Freuen die sich vor allem über den Profit oder äussern sie Bedenken, man verkaufe sich und die Heimat allzu sehr?

HPD: Natürlich spürt man die Bedenken. Nebst all den teuren internationalen Boutiquen gibt es mittlerweile nur noch einen Coop-Laden im Dorf, in welchem alle Einheimischen einkaufen gehen. Lebenskosten und Wohnraum sind in St. Moritz effektiv sehr hoch, das ist natürlich ein Problem. Andererseits leben die meisten Leute, die hier arbeiten direkt oder indirekt vomTourismus und profitieren auch davon, dass in den letzten dreissig Jahren die Steuern vier Mal gesenkt werden konnten.

TN: Werden denn der Entwicklung der Tourismusindustrie in der Region auch Grenzen gesetzt oder gibt es von Seiten der Bevölkerung Druck, mehr Reglementierung durchzusetzen?

HPD: Die Bevölkerung ist natürlich sensibilisiert. Alle gross angelegten Projekte, die im Moment als Abstimmungsvorlagen vors Volk kommen, werden abgelehnt. Es ist vielleicht gut, dass dies geschieht, nur geschieht es halt relativ spät.Aber St.Moritz wird seinen Platz unter den Top Ten der exklusiven Ferienorte behalten, denn es bietet ein quantitativ beschränktes Angebot für die Nachfrage der reichsten Leute derWelt.

TN: Die Angst, dass die Erfolgsgeschichte von St.Moritz aufgrund einer globalen Finanzkrise zu Ende geht, besteht also Ihres Erachtens nicht?

HPD: Nein, eher im Gegenteil. Unser Angebot ist sehr stark; aufgrund der geographischen Lage ist St. Moritz relativ schneesicher, wir haben eine offene Berglandschaft, also viel Himmel, dazumehr Sonne als die anderen. Wir sind zudem verkehrstechnisch sehr gut erschlossen, man gelangt quasi aus allen Himmelsrichtungen hierher. Aber das Wichtigste ist vielleicht die Marke. St. Moritz ist in den Bergen weltweit die Nummer Eins in Sachen Bekanntheit, Markensubstanz und Wertschöpfung. Ich denke, St. Moritz ist sehr gut aufgestellt.

TN: Hat es St. Moritz denn überhaupt noch nötig, für sich zu werben oder lebt es von seinem Ruf und hält sich da zurück?

HPD: Nein, auch wenn ein Produkt eine so kontinuierliche und stabile Vermarktung verfolgt wie St. Moritz, muss man immer noch investieren. Es ist Match-entscheidend, dass man den Lead behält und die Trends selber setzt. Dies hat St. Moritz bisher getan, indem es immer wieder für neuartige Attraktionen gesorgt hat und weiterhin sorgen wird (2010 soll es beispielsweise zum ersten Mal ein grosses Kricket-Match zwischen Indien und Pakistan geben). Wenn sie wirklich oben bleiben wollen, müssen sie immer wieder in ihreMarke investieren.

TN: Es gibt russische Werbeseiten im Internet, die mit Bildern von Schweizer Banknoten für den Wintertourismus in St.Moritzwerben. Ärgern Sie sich über dieseArt von Werbung?

HPD: Ach, wissen Sie, gewisse Medien bedienen immer dieselben Klischees, oft sind es die Cüpli- und Pelz- Geschichten, die uns eigentlich nicht interessieren, aber das Klischee gehört nun einmal zu St. Moritz. Die Welt ist kompliziert undmit Etiketten lässt sich etwas vereinfachen. Dies ist auch das Prinzip des Marketing. Zu Beginn hatte ich selber auch einige Bedenken, aber dann habe ich gemerkt, dass der Mensch nun mal so funktioniert. Es gibt Leute, die hören, dass St.Moritz Top of the World ist, und sie hören es noch einmal und noch einmal, dann glauben sie es und dann wollen sie nur noch hierher kommen.

TN: Die Haltung dem Klischee gegenüber hat sich in den letzten Jahren ja verändert. In den 80er Jahren wollte man den Individualtourismus um jeden Preis, während man heute oft gerade das Klischee um des Klischees Willen sucht. Diese Veränderung kommt St. Moritz wohl auch zugute.

HPD: Wir waren der erste Ort, der seinen Namen vor gut zwanzig Jahren als Marke geschützt hat. Dies hat sich bewährt und heute in der globalisierten Welt mit ihrer ganzen Oberflächlichkeit, dem Speed und der Überflutung geht es nun genau darum, ein Produkt als etwas Glaubwürdiges, Ehernes, Sicheres zu beweisen; ein Fels in der Brandung, sozusagen. TN:Also doch eine Festung, eine Bastion—Letzte Frage: Fremdenverkehr oder Tourismus, in welchem Verhältnis sehen Sie die beiden Bezeichnungen? HPD: Bei uns wurde nie mit dem Begriff «Fremdenverkehr » gearbeitet. Diesen Begriff können sie nicht mehr brauchen. Mir gefällt eigentlich auch «Tourismus » nicht, er ist so ein Abstraktum und ist oft negativ konnotiert. Aber ich verwende den Begriff «Tourismus », klar, am liebsten rede ich von «Ferientourismus », weil St. Moritz sich ganz darauf konzentriert hat und «Ferientourismus» tönt ja auch schon etwas menschlicher.

Gesprächspartner: Stefanie Herzberg, Ralf Fiedler