Die unerschöpfliche Stimme aus dem Off

von Jürg Halter

Sehr geehrte Damen und Herren, wenn ich doch bitten darf: Bitte schön. Nur zu. Nehmen Sie Platz. Mindestens, was Ihren Körper betrifft. Geistig sollten Sie schon standhaft bleiben. Wie heisst das noch gleich? Haltung bewahren. Sonst entgeht Ihnen noch, was sich auf dieser Bühne gleich ereignen wird. Nun, ich bin nicht mehr als die Stimme aus dem Off. – Immerhin, wie ich feststelle, Sie haben sich auf mein Geheiss hin niedergelassen.

Ja, was haben wir denn da? Jemand hat seine Beine unverschämt locker übereinander geschlagen, dreht sein Weinglas in den Händen und denkt sich nichts dabei, ja, denkt sich nichts dabei. Schön und gut. Jemand beisst sich auf die Lippen, um sich augenblicklich selbst in Erinnerung zu rufen. Schwierig. Jemand spielt mit seinen Haaren. Doch etwas kindisch. Jemand schaltet sein Telefon auf lautlos. Ach, wie beflissen. Überhaupt: Was soll man da noch sagen, ob all dieser mehr oder weniger grimassierenden Gesichter, die sich hier, ich muss das schon erwähnen, freiwillig eingefunden haben? Jemand blickt auf seine Uhr. „Erst oder schon?“, möchte ich fragen. Jemand anderes starrt auf die leere Bühne, versucht mich wohl zu überhören, was durchaus nicht gelingt. – Da spricht und kommentiert unaufhörlich diese Stimme aus dem Off. Ja, genau! Das bin ja ich!

Nun tritt ein Schauspieler auf. Er stutzt. Wieso denn bloss? Hat er seinen Text vergessen? Verschlägt es ihm schlichtweg die Sprache, weil ich nicht verstumme? Wer spricht denn hier eigentlich? Der Schauspieler sieht ins Publikum, so als ob er nicht ratlos und gänzlich überfordert wäre. Professionell. Er versucht im Dunkeln den Techniker zu sehen, aber dieser sitzt mit offenem Mund vor seinem Mischpult, welches ihm nicht mehr zu gehorchen scheint. Der Schauspieler geht nach einer Zeit irritiert ab. Nanu? Ist er nicht gesprächsbereit? Ist er etwa zu lahm sich dieser Herausforderung zu stellen? Es ist ja nicht so, dass ich mir gerne selber beim Sprechen zuhöre, nein, aber da draussen scheint niemand befähigt, mir tapfer entgegenzutreten. Der Mumm gehört mir.

Ja, schauen Sie mal an, jetzt erhebt sich doch tatsächlich jemand aus dem Publikum und verlässt mit strenger Miene den Raum. Schon folgt ihm ein anderer. Sollte ich betroffen sein? Ein regelrechter Exodus sitzt ein. Sind Sie denn nicht bereit, etwas Kunst einzustecken? Das schliesst doch die Unterhaltung nicht aus. Im Gegenteil. Oder haben Sie sich nur hierher bemüht, um mir zu zeigen, dass Sie mir nicht zuhören mögen? Das glaube ich nicht. Dazu ist Ihnen Ihre Zeit zu wertvoll. – Aber nein! Von einer Publikumsbeschimpfung kann doch keine Rede sein.

Nach und nach leert sich der Raum. – Nur einer bleibt. Ja, wer ist es denn? Ach, der Kritiker. Er sieht verärgert aus. Oh, nein! Das gibt wohl einen satten Verriss! Ich muss ihn hier behalten, zumindest bis Redaktionsschluss. Er muss einmal darüber schlafen und sein Verriss wird sich in ein Lob wandeln, zu einem Lob auf meinen Mut, meinen Mut zum radikalen Experiment. Bitte, schauen Sie etwas aufgeschlossener, auch wenn Sie glauben schon alles gesehen zu haben, Sie Abgeklärtheitskonstrukt. Die Strenge in Ihrem Gesicht steigert nicht Ihre Intelligenz. Da können Sie sich sicher sein. Nein, entschuldigen Sie. Despektierlich will ich doch nicht sein. Aber ich revolutioniere hier das Theater. Das Off-Sprechtheater um genau zu sein. Wenn Sie ehrlich sind, mögen Sie doch meine Visage überhaupt nicht, seien Sie nur froh, allein meine Stimme ertragen zu müssen. Bitte, schauen Sie jetzt doch etwas freundlicher, ja, was ist es denn, was ich hier abziehe? Eben. Ich darf doch bitten.

Also, bitte schön, es ist nun drei Uhr morgens und ich brauche ein Glas Wasser und Sie, Sie können gehen. Ich habe fertig. Ja, dieser Monolog könnte ewig weiter gehen. Mein Problem ist, ich nehme keine Erschöpfung an mir wahr. Und dieser Umstand beginnt mich zu langweilen. Ich scheine eine unerschöpfliche Stimme zu sein. Aber wissen Sie, gerade darum kann das Guinness Buch der Rekorde keine Herausforderung für mich werden. Ich ziehe lieber weiter, will aus dem Off der Welt sprechen! Zu allen Menschen! Zu jeder Zeit! Gott bewahre, denken Sie. Man wird sehen, ob er dazu im Stande ist! Mehr ist nicht zu sagen. – Ja, das war’s. – Woher sollte ich wissen, wer für das hier verantwortlich ist? Sie schreien hier doch nicht im Ernst eine Stimme aus dem Off an? Peinlichst. Sie sind ganz allein im Raum. Bitte, bewahren Sie Haltung. Das ist doch nur ein Theater, Sie müssen sich doch Ihre Haare nicht gleich büschelweise ausreissen. – Aber dennoch, nichts zu danken. Die Bühne gehört jetzt Ihnen, Sie machen das Stück schon! Brechen sie aus! – Und ich? Ich sprach nur, um gesprochen zu haben. Umso schöner die Stille danach.