Laufbahnberatung

MM: Guten Tag, Herr Sanchez.
   
RS: Guten Tag, Herr Müller.
   
MM: Ich möchte gerne meine Theaterkarriere vorantreiben. Was muss ich tun?
   
RS: Das ist in Ihrem Fall schwierig. Sie haben zwar letzte Saison bei uns gespielt, aber auch im Schauspielhaus, und sogar im Casinotheater Winterthur. Ich kann bei Ihnen keine künstlerische Stringenz und schon gar keine Vision feststellen. Ausserdem entnehme ich Ihren Unterlagen, dass Sie nicht einmal über einen künstlerischen Abschluss verfügen.
   
MM: Sie doch auch nicht!
   
RS: Ich bin Direktor und ich würde Ihnen empfehlen, das hierarchische Gefälle zwischen uns ein klein wenig ernster zu nehmen.
   
MM: Wieso siezen wir uns hier überhaupt? Auf der Probe duzen wir uns doch, darf ich Sie ausserdem an unsere zahlreichen privaten Eskapaden vor der Neumarkt-Zeit erinnern?
   
RS: Ich dachte, Sie wollen Ihre Karriere vorantreiben? Oder wollen Sie sie zunichte machen?
   
MM: Entschuldigen Sie. Ich kann mich plötzlich an keine Details mehr erinnern.
   
RS: Geht doch.
   
MM: Zurück zu meinen Karriereplänen. Sie werfen mir fehlende Visionen vor, ausgerechnet Sie!
   
RS: Lesen Sie unser Spielzeitheft.
   
MM: Aha, Sie haben die Frage nach der Vision also an die Dramaturgie delegiert. Und jetzt kommt wahrscheinlich noch die alte Leier mit „Das Theater stellt nur Fragen, gibt aber keine Antworten“.
   
RS: Ja, der Direktor und die Direktorin stellen die Fragen.
   
MM: Und die Schauspieler suchen nach Antworten?
   
RS: Genau.
   
MM: Gibt es in Ihrem System überhaupt noch Platz für die Zuschauer?
   
RS: Solange sie Theaterkarten kaufen: selbstverständlich.
   
MM: Das Stadttheater hat Sie arrogant und zynisch gemacht.
   
RS: Aha, der Herr Fernsehkomiker ist ein alter Moralist. Vergessen Sie die letzten Sätze. Das Neumarkt ist ein kleines Stadttheater mit allem, was dazu gehört: ein kleines Ensemble, zwei Spielstätten, Werkstätten, Dramaturgie und Presseabteilung. Mit diesen Mitteln machen wir Theater, so aktuell wie möglich, so klassisch wie nötig. Wir überlegen uns eine Spielzeitüberschrift wie zum Beispiel „Spielen bis zum Umfallen“ und reizen das Thema so gut es geht aus. Wir sind die Nummer zwei am Platz, und genau das ist unsere Stärke.
   
MM: Theater bis zum Umfallen, das klingt sehr unvernünftig.
   
RS: Wie der Philosoph Pfaller sagt: Wir mässigen uns unmässig. Vernunft ist unvernünftig.
   
MM: Ein rechter Künstler muss also rauchen und trinken. Was mich persönlich interessiert: Wie ist es mit dem Essen?
   
RS: Sie haben gar nichts verstanden. Sie sind ein Protestant. Völlerei ist nicht dasselbe wie unvernünftige Vernunft.
   
MM: Ich bewundere Sie.
   
RS: Jetzt halten Sie die Hierarchie sauber ein. So kommen Sie schauspielerisch auf einen grünen Zweig. […]
   
MM: Wann kommen Ihnen die Ideen in den Sinn?
   
RS: Sie haben bestimmt mal beim Oltner Tagblatt gearbeitet?
   
MM: Ja, als freier Journalist.
   
RS: Und mit dem Journalismus ist es nichts geworden?
   
MM: Genau, ich versuche es schon länger mit Schauspiel.
   
RS: Ohne sprachliches Flair werden Sie es aber auch im Schauspiel schwer haben.
   
MM: Und was heisst das jetzt für meine Theaterkarriere? Was soll ich machen?
   
RS: Ziehen Sie erst einmal dieses bescheuerte Minnie-Maus- Kostüm aus.

aufgezeichnet und transkribiert von Daniel Binswanger
Sommer 2011