Der Kulturbetrieb kann nicht mehr scharf zwischen neu und alt unterscheiden. Ich lese gerade einen dicken, erfolgreichen Roman über das Ende der DDR zu Ende, der formal ins späte 19. Jahrhundert zurückreicht. Dazu höre ich elektronische Popmusik, welche die Angst der dunklen Achtzigerjahre beschwört. Und heute Abend werde ich in ein Tanztheater eines belgischen Choreographen gehen, der seit zwanzig Jahren die Darstellung von Ausgegrenzten mit hohem musikalischen Pathos paart. Uwe Tellkamps Bestseller „Der Turm“ mag man klassizistisch nennen, die Musik von Zola Jesus und Fever Ray wird auch mit „Gothic“ angeschrieben – man denkt an Kutten und mittelalterliche Kirchen. Und selbst die Inszenierungen von Alain Platel gehören zur Avantgarde von gestern. Diese guten und in der Gegenwart gemachten Kunstwerke werden allesamt in ein Fach gesteckt, auf dem Geschichte steht.
Weil die kapitalistische Verwertungslogik, besonders jene der Medien, am Fetisch des Neuen festhalten muss, sucht man Hilfe bei der Vorsilbe Neo. Neo-Klassizismus, Neo-Gothic, Neo-Avantgarde. Selbst die Popmusik, die dem bürgerlichen Kulturbetrieb am weitesten entfernte Sparte, hat einen Begriff für die Wiederkehr des Alten gefunden. Im Pop spricht man von Retro, was die Nähe zu Design und Mode offenbart. Retro-Look, Retro-Brillen, Retro-Grafik. Und Retro-Rock. Lustigerweise bedeutet Retro nicht alt, sondern neu. Neu, das auf alt macht. Es geht um eine sichtbare Simulation. Wer das nicht will und an der Aura des Alten festhalten möchte, kauft sich eine Vintage-Brille. Das ist neudeutsch für antiquarisch oder antik.
Diese vielen Beschriftungen, die Vergangenes in der Gegenwart anzeigen, erscheinen vielleicht hilflos. Doch sie haben auch ihr Gutes. Denn täuscht der Eindruck, dass mit der Zunahme der Geschichtsverweise gleichzeitig der plumpe Fortschrittsglaube abgenommen hat? Wer traut sich noch, einen Maler progressiv oder eine Einspielung zukunftsweisend zu nennen? Die Begriffslosigkeit, was Zeit, Stil und Geschichte betrifft, führt auch zu weniger Kunst, die sich in Posen des Neuen wirft und darin genügt. Was sollte das auch sein, das Neo-Neue?
Schuld sind natürlich D & G: Digitalisierung und Globalisierung. Die Archive wachsen sekündlich. Wir machen virtuelle Touren durch Städte, Museen, Bibliotheken. Und niemand wartet mehr wochenlang auf teure Pakete mit Vinylplatten aus Übersee. Kein falsches Hohelied auf die Grenzenlosigkeit des Netzes und den freien Zugang für alle, bitte: Auch das Netz ist ein Herrschaftsraum, wird es immer mehr. Aber der Unterschied ist dennoch epochal. Auch für die Künste. Noch nie konnten so viele Menschen auf so viele Kunstwerke zugreifen wie heute. Wenn Lesegeräte wie Kindle oder iPad erschwinglich und besser werden, wenn die Buchbranche die Preise für das digitale Produkt endlich senkt, dann wird die Verbreitung von Büchern enorm zunehmen. Das wird nicht ohne Folge für die Texte selbst bleiben.
Die Musik hat die ersten zehn Jahre dieses Wandels bereits hinter sich. Es ist kein grosses Problem, zum Beispiel über afrikanische Musiken Bescheid zu wissen. Die digitalen Vertriebskanäle führten aber auch zu einer erhöhten Präsenz von Musik in allen Bereichen. Auch privat: Man hat heute nicht mehr zwanzig oder hundert Alben zu Hause im Plattenregal, sondern dreitausend auf dem Rechner. Wenn Sie iTunes benutzen und der Genius- Funktion Zugriff erlauben, weiss Apple sogar genau, was Sie „privat“ so hören. Doch selbst das ist schon Geschichte, weil der Trend zum Streamen geht, nicht zum Besitzen von Musikdateien. Jedes Mal, wenn man etwas Bestimmtes hören möchte, greift man auf das Internet zu. Das heisst am Ende: Jeder hat die grösste Plattensammlung der Welt. Einmal alles, bitte.
Am Theater ist die Globalisierung vielleicht nicht vorbeigezogen – der finanzielle Zwang zu Koprodutionen und die Austauschbarkeit der Festivals zeugen deutlich von ihrem Einfluss. Aber die Digitalisierung musste das Theater bisher nicht interessieren. Einige Erfolgsstücke, etwa von Patrick Marber oder Igor Bauersima, hatten zwar ein bisschen Internet in ihren Themen drin, aber das Wesen von Theater wurde davon nicht berührt. Man hat viel über neue Spielweisen geschrieben, auch ging die Rede von neuen Dramaturgien, neuen Stoffen und neuen Stücken, aber der Rahmen, auf den sich Theater bezieht, bleibt relativ stabil.
Denn das Theater kann man weder downloaden noch speichern, es fehlt an audiovisuellen Archiven. Man muss eine Karte kaufen, anstehen und im Saal gleich nochmal warten. Und selbst legendäre Inszenierungen, noch bis in die Siebzigerjahre, gibt es nicht als Film- oder Videoaufzeichnungen. Das begrenzt den theaterhistorischen Horizont eines Theatergängers in der Regel auf seine eigene Seh-Biografie. So bleibt der Kanon – was man spielt, wie man es spielt – einigermassen übersichtlich.
Viele Theaterschaffende haben einen Schimmer in den Augen, wenn sie sagen, dass die Bühnenkunst halt aus der Zeit gefallen sei. Man sagt gerne auch: so wunderbar aus der Zeit gefallen, und meint damit den scheinbaren Anachronismus des Live-Erlebnisses sowie die Traditionspflege. Beide Momente gehören dem Theater aber längst nicht mehr exklusiv. Lesungen bersten vor Publikum, die Musikbranche versucht sich mit überteuerten Konzerten zu retten, Fanmeilen durchziehen die Innenstädte, noch nicht einmal die Street Parade ist tot. Und den hysterischen Ruf nach Geschichte hört man auch in jeder Kunstsparte.
Und doch stimmt es, Theater ist einzigartig. Nicht weil es live gespielt wird oder auch mit alten Texten arbeitet, sondern weil es immer wieder neu beginnen muss. Jedes Stück muss jedes Mal von Grund auf neu interpretiert werden, keine Inszenierung kann sich zu sehr auf eine andere, frühere, beziehen. Genau deswegen ist Theater nicht museal, auch wenn viele Theaterverächter gerne so urteilen. Millionen von Menschen sehen sich jedes Jahr die Bilder von Caravaggio oder von den Impressionisten an. Aber keiner weiss, wie Shakespeare wirklich inszeniert hat. Und nur ein paar Spezialisten haben eine genaue Vorstellung davon, wie Max Reinhardt mit einer modernen Bühnentechnik das Schauspiel ins 20. Jahrhundert hineindrehte. Seit zweieinhalbtausend Jahren herrscht im Theater eine relative Geschichtslosigkeit.
Peter Stein hat als einer der wenigen die Geister der Vergangenheit ein paar Mal tatsächlich geweckt. Zur Eröffnung der Schaubühne 1970 in Berlin setzte er Brechts „Die Mutter“ auf den Spielplan. Die Hauptrolle spielte Therese Giehse, die mit Brecht bereits vor der Machtergreifung der Nazis in Berlin zusammengearbeitet hatte, dann in Zürich im Schauspielhaus und für zwei Jahre auch im Ost- Berlin der frühen DDR. Steins „Mutter“ war eine Gründungsgeste, eine Verbeugung vor der Geschichte. Aber noch keine Rekonstruktion wie Tschechows „Drei Schwestern“: Stein und sein Team studierten 1984 die Regiebücher des Regisseurs Stanislawski und seiner Uraufführung im Moskauer Künstlertheater von 1901. Es wurde einer der grössten Erfolge der Schaubühne (wobei die meisten Zuschauer den musealen Charakter der Inszenierung nicht bemerkten).
Warum hat das Sprechtheater so grosse Mühe, einzelne Arbeiten museal auszustellen oder zu rekonstruieren? Die Oper macht manchmal Ausnahmen, vor einigen Jahren sah ich im ehemaligen Ost-Berlin einen „Barbier von Sevilla“ von Ruth Berghaus, seit der Premiere von 1968 wohl in der x-ten Besetzung. Und in Zürich erinnert man sich noch gut an Christoph Schlingensiefs Hamlet-Beschwörung. Aber Schlingensiefs Arbeit mit den zu resozialisierenden Neo-Nazis bleibt stärker im Gedächtnis als der Versuch – am selben Abend – der Rekonstruktion einer historischen Aufführung mit Gustaf Gründgens.
Dem Theater fehlt die Kulturtechnik des Museums. Wie man Geschichte ausstellt, und dafür auch mal rekonstruiert und wiederaufführt. Lustigerweise hat der Kunstbetrieb, fern jeden Spiesserverdachts, damit keine Mühe. Die mittlerweile historische Gattung der Performance feiert seit etwa zwei Jahren eine weltweite Renaissance. Nicht in Theatern, sondern in renommierten Museen und Kunsthallen. Marina Abramovic´ führt Arbeiten aus den Sechziger- oder Siebzigerjahren wieder auf, als sei nichts geschehen. Und die Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst hat in diesem Sommer alte Aktionen von toten Fluxus-Künstlern mit jungen Performances kurzgeschlossen. Das Publikum trug enge Jeans, coole Brillen und sass andächtig im Rund. Niemand schimpft das urbane Publikum in Manchester, New York oder Berlin einen verbohrten Abonnenten. Keiner kommt auf die Idee, diese Geisterstunden konservativ zu finden. Das Theater muss diesen Kulturkampf zwischen alt und neu einen Moment ruhen lassen, um seine Geschichte besser erkennen zu können. Alles, was es dazu braucht, ist Zeit. Und den Mut, sich mit sich selbst zu beschäftigen.