Körper
Das ewige Eis verspricht auch eine soziale Übersicht: Der Permafrost der Verhältnisse, die gefrorene Gesellschaft. Das Gegenteil von Veränderung also. Um dem Imperativ des heissen, weil dauerdynamisierten «Change » zu entfliehen,muss man immer noch höher steigen.
Mit steigender Höhe nimmt die Komplexität ab – der Artenvielfalt, der Fauna, der Luft. Das Leben wird einfacher. In der Höhe verringert sich selbst die Komplexität des Denkens. Klar gibt es chemische Gründe, warum manche Bergsteiger schon ab 3000Meter Kopfschmerzen kriegen. Der abnehmende Sauerstoff zum Beispiel. Aber ist es nicht genau die gekappte Spritleitung, die uns auch zu immer simpleren kognitiven Operationen zwingt? Denn am Berg gelten mit zunehmender Höhe die knallharten Gesetze der Polarität. Hoch oder runter. Rechts oder links. Tod oder Leben. Das ist doch mal was anderes als der tägliche Terror der vermeintlichen Wahl – beim Einkaufen, Krankenkassenwechseln oder Liebemachen.
Im Marketing würde man im hochalpinen Fall die Komplexitätsreduktion preisen. Aber das sind ja schon zwei Fremdwörter. Ratsamer wäre, es die «Konzentration auf das Wesentliche» zu nennen. Oder warum nicht gleich ein Erlebnis geloben, das «echt», «pur» und «rein» zu werden garantiert? Man sieht, das Denken des Winter- und Gebirgs-Tourismus entspricht etwa dem Geist eines Mineralwassers (echt, pur, rein: Wasser mit Luft drin).
In solchen Werbebotschaften schlummert aber auch eine Schwundstufe der Ästhetik des Minimalismus. Schweizer Konkretismus in Kunst und Archtitektur, Schweizer Grafik und Design, auch Schweizer Minimal Techno: Wir leben in einem Land, das die schöne und angenehme, weil dezente Kälte der Formen und Klänge so perfektioniert hat wie wenig andere. Aber selbst unsere höchsten Berge hören knapp unter 5’000 Meter dann leider auf. Und bei der Erstbesteigung des Mount Everest hat uns der Engländer Hillary um Haaresbreite geschlagen.
Ist es ein Zufall, dass die Geschichte der Bergsteigerei sich parallel zum rasenden Industriekapitalismus entwickelt? Und zwar nicht einzig aus dem Grund der technischen Machbarkeit, der Kolonialisierung von allemund jedem, und sei es die bildlich absurde Unterwerfung des «Daches der Welt», wie man den Everest nennt. Es könnte doch sein, dass der einsetzende Run auf die Berge auch ein Wegrennen vor der Komplexität bürgerlich-kapitalistischer Gesellschaften darstellt. Denn im Flachland wollte plötzlich jeder seine Autonomie: der Bürger vom Patrizier, der Arbeiter vom Fabrikanten, der Staat von der Kirche, die Kunst von allen zusammen. In der Gebirgskälte und in der dünnen Luft kann sich die Ausdifferenzierung der sozialen Systeme aber nicht installieren. Die feinen Unterschiede verflüssigen sich im Eis. Im Bild. Aber auch im Alltag: Jeder duzt jeden, der Sherpa wird in der Regel gut behandelt und in der Seilschaft gibt es nur gemeinsame Entscheidungen zu treffen. Autonomie ist möglich, kostet aber extra.
Man könnte also sagen, die Flucht nach oben sei in gewisser Weise ein anti-moderner Reflex, der mit der Moderne entsteht.Weg von sozial komplizierten Grenzziehungen, weg vom gesellschaftlichen Hochofen, der dauernd flüssige Veränderung produziert. Weg vom magischen, urkapitalistischen Befehl des «Change» (den Barack Obama nicht erfunden, sondern nur wundersam wiedererwecken konnte, ohne dabei als Phrasendrescher dazustehen). Aber jede Reise ist auch eine Suche. In der populären Extrem-Bergsteigerliteratur zwischen Jon Krakauer und Reinhold Messner ist das Ziel nicht zu überlesen: Der Gipfel verspricht einen kurzen metaphysischen Zustand, einen Moment der Gottesnähe, eine zutiefst innerliche Erfahrung in Verbindung mit der ganzen Welt. Darin ist die Bergsteigerei das einfache und direkt verwandte Gegenstück zum Gang in die Wüste (auch eine grosse Gleichmacherin). Doch das sind nur Versprechungen. Denn die konkreten Erzählungen von den Gipfeln erzählen fast alle nur von der Leere. Vom Nicht-Empfinden. Und nicht mal das ist so richtig gesichert.
Über 8000 Meter Höhe verschwindet noch die letzte Gewissheit darüber, was Wahrheit ist. Die Everest- Tragödie von 1996, die Jon Krakauer in seinem Bestseller «Into Thin Air» («In eisigen Höhen») wie einen Thriller erzählt, lässt sich nicht genau rekonstruieren, weil es in der so genannten Todeszone kein stabiles Referenzsystem mehr gibt. Krakauer hat nicht das einzige Buch über den Mai 1996, als an einem Tag acht Berggänger starben, geschrieben, bloss das berühmteste. Aber jede Version ist so plausibel wie unüberprüfbar. Der übersichtliche binäre Code (null-eins, hochrunter, rechts-links, Tod-Leben), den man sich dort oben erträumt hat, stellt sich am Ende als erkenntnistheoretischer Nebel dar.
In den Extremen fallen die Kälte und die Hitze in eins, insofern sie alle bedeutsamen Unterschiede abschaffen. Ob heisse Verflüssigung oder kaltes Gefrieren: Der Effekt ist derselbe, nämlich die Auslöschung oder Arretierung jeder Dynamik, jeder Dramaturgie. Ohne Bewegung keine Geschichten. Kein Leben.
Auch in den Künsten sind diese Extreme verwandt. Sowohl die Hitze eines Jim Morrison von The Doors wie die Kälte eines technoiden Minimalismus leben von der Nähe zum Ende, zum Nichts, zur Leere. Bei Morrison bezeichnet die Leere vielleicht noch eine Angst, einen Zustand nach dem alles verzehrenden Inferno. Im Minimal Techno erscheint vielmehr jener Moment der offensiven Annäherung interessant, kurz bevor man von einem Nichts sprechen müsste. Es sind übrigens beides Musiken, die sich deutlich über ihr marktübliches Verfallsdatum hinaus zu halten scheinen. Die Doors sind nicht tot zu kriegen, und dieminimale Spielart des Techno diktiert den Groove in der ganzen Clubwelt.
Das Spiel mit der Kälte ist also ein Flirt mit dem Nichts. Die Sehnsucht nach klaren sozialen Verhältnissen, nach Übersicht und Richtung, erweist sich womöglich als erstes Winken über jene Grenze, wo das Leben aufhört.
Man muss übrigens nicht gleich sein Erspartes für einen Himalaya-Trip verprassen, um zu sehen, wie mächtig diese Fiktion sein kann. Die aktuellen Plakate in Weltformat eines Schweizer Skigebiets zeigen dies: Einen Tiefschneehang, unten rechts fast unauffällig der Ortsname, riesengross in der Mitte aber: RAUM. Auf Englisch hiesse das SPACE. Die reine Leere.