Par­la­ment der Din­ge, Tie­re, Pflan­zen und Algo­rith­men

Thea­ter als Agi­li­ty­p­ark

Maga­zin zur ers­ten Aus­ga­be (2019) von «Par­la­ment der Din­ge, Tie­re, Pflan­zen und Algo­rith­men: Thea­ter als Tau­ben­schlag»:

Wie wir zur arten-über­grei­fen­den Com­pa­ny wur­den

was bis­her geschah

Nach der ers­ten Aus­ga­be von «Par­la­ment der Din­ge, Tie­re, Pflan­zen und Algo­rith­men» im Herbst 2019 am Neu­markt Zürich haben wir uns und den Tau­ben im Est­rich von Jonas’ Woh­nung in Basel ein arten-über­grei­fen­des Ate­lier gebaut. Dort haben wir die Tau­ben zwei Wochen drin gelas­sen, damit sie sich an den neu­en Ort gewöh­nen. Dann haben wir die Klap­pe geöff­net — und weg waren sie. Etwas in der Kom­mu­ni­ka­ti­on hat nicht geklappt, den­ken wir, aber wir den­ken auch, das lässt sich ändern. Wir wol­len Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Tau­ben üben, non-ver­ba­le Kom­mu­ni­ka­ti­on, die die Tau­ben schon gut kön­nen, wir aber noch nicht. Dafür brau­chen wir ein Übungs­feld, wir den­ken an einen Agi­li­ty-Park, bei dem Hund und Mensch in Bezie­hung tre­ten. Aber eben nicht für Hun­de son­dern für Tau­ben und Men­schen. Dar­um machen wir jetzt fol­gen­des: das Neu­markt ist wie­der dabei und das freut uns wahn­sin­nig und so bau­en wir in der Chor­gas­se einen Tau­ben-Agi­li­ty­p­ark, in dem Mensch und Tau­be ein respons­ables Mit­ein­an­der ein­üben kön­nen.
Mit Hil­fe des Agi­li­ty­p­arks und fünf neu­en Tau­ben pro­bie­ren wir noch­mals zur arten­über­grei­fen­den Com­pa­ny zu wer­den. Com­pa­ny von cum panis, with bread, wie Don­na Hara­way schreibt, mess­ma­tes at table are com­pa­n­ions. Die Tau­ben, Jonas und ich tei­len unser gemein­sam ver­dien­tes Brot. Und los geht es!

Tag 1

Die ers­te Aus­ga­be fand mit Stadt­tau­ben statt. Wir den­ken, der Umzug nach Basel war zu stres­sig für sie. Dar­um brau­chen wir jetzt Tau­ben, die sich Orts­wech­sel gewohnt sind. Wir wol­len mit ihnen auf Gast­spie­le. Wir fra­gen unse­ren Kom­pli­zen und Tau­ben­züch­ter Hans Ganz Bitsch um Rat. Er emp­fiehlt uns fünf grie­chi­sche Wuta. Sie sind robust und Orts­wech­sel gewohnt. Hans Ganz Bitsch ist mit ihnen Meis­ter­schaf­ten geflo­gen, in ganz Euro­pa umher­ge­reist. Unse­re Tau­ben waren Euro­pa­meis­ter, erzählt er uns, yeah, den­ken wir und sind stolz. Auf was eigent­lich? Egal, es ist aber auch so, dass Hans Gans Bitsch die fünf nicht mehr gebrau­chen kann, sie sind zu alt und er hat zu vie­le Männ­chen. Er sagt, ich muss sie zwi­cken. Zwi­cken ist ein Euphe­mis­mus für Tau­ben umbrin­gen. Und da kom­men wir ins Spiel, wir den­ken so ein Ange­bot kommt uns gele­gen, die Tau­ben kön­nen in einen Kas­ten flie­gen, das müs­sen sie kön­nen wenn wir mit ihnen auf Gast­spiel wol­len. Einen Sack Fut­ter pro Tau­be, will Hans Gans Bitsch, ins­ge­samt sind das 80.- , eine schenkt er uns dazu, einen Drop­per und was der Drop­per so tut, dazu spä­ter mal noch mehr. Also holen wir die­se fünf aus­ge­mus­ter­ten Männ­chen in Ror­bas ab. Einer Tau­be fehlt ein Stück Fuss, bemer­ke ich, aber Hans Gans Bitsch zeigt mir sei­ne Hand. Ihm fehlt auch ein Fin­ger, das sei nicht so schlimm. Und so brin­gen wir sie mit Post­au­to und Zug in unse­ren Tau­ben­agi­li­ty­p­ark an der Chor­gas­se. Die fünf sind noch etwas scheu aber wir den­ken, ihnen gefällt die Chor­gas­se und so begin­nen wir mit Put­zen aber auch mit Cho­reo­gra­phien üben, sie gucken uns zu und scheis­sen haar­scharf am Kopf vor­bei. Jonas meint, sie scheis­sen nur wenn die Span­nung los­lässt und so gebe ich mir Mühe anstän­dig zu spie­len und die Span­nung zu hal­ten.

Tag 2

Was der Tau­ben­züch­ter ges­tern eher bei­läu­fig beim Abschied erwähnt hat: nur zwei der fünf Tau­ben sind Euro­pa­meis­ter, das heisst fol­gen­des, nur wer Euro­pa­meis­ter ist, kann in einen Kas­ten flie­gen. In einen Kas­ten flie­gen zu kön­nen ist für unse­re Com­pa­ny wich­tig, sehr wich­tig, über­le­bens­wich­tig. Nur wer in einen Kas­ten flie­gen kann ist gast­spiel­taug­lich. Stellt euch vor, wir gehen auf Gast­spiel und die Tau­ben wol­len im Süd­pol, in der Gess­ne­ral­lee, im Helm­haus oder am Thea­ter Basel blei­ben. Das wäre unser Ruin, ende, aus, es war schön mit euch. Wir wür­den die Tau­ben nie mehr aus dem Süd­pol raus bekom­men, 10 Jah­re wür­den die dort blei­ben und das Süd­pol dürf­te jede zukünf­ti­ge Vor­stel­lung mit Tau­ben spie­len. Ich will gar nicht dar­an den­ken, also: Fut­ter gibt es nur für den, der in den Kas­ten fliegt, bas­tà. Was aber lei­der gar nicht so ein­fach ist. Ach, ach, ach, es bricht uns das Herz, jetzt nur nicht inkon­se­quent wer­den, hart blei­ben, durch­zie­hen, weg­schau­en. Die, die es noch nicht kön­nen schau­en denen, die es kön­nen zu, das ist gut und zum Glück gibt es Bade­wan­nen, die hat sich Anne Lin­ke aus­ge­dacht und Cris­tia­no Remo vom Neu­markt hat sie geschweisst. Etwas hung­rig ent­de­cken die Tau­ben das Baden und freu­en sich am Was­ser. Es sind die bes­ten und schöns­ten Tau­ben­ba­de­wan­nen ever.

Tag 4

In ‘When Spe­ci­es meet’ schreibt Don­na Hara­way, dass nur 10% all der Zel­len die mich aus­ma­chen genu­in mensch­lich sind, die ande­ren gehö­ren der lus­ti­gen Kopf­laus, dem ätzen­den Pilz der es sich irgend­wo bequem gemacht hat oder der Toma­te über die sich Scha­ren von gefräs­si­gen Darm­bak­te­ri­en her­ma­chen. Aus­ge­hend von die­sem Bild haben wir unse­re Com­pa­ny zusam­men­ge­cas­tet, fast 90% Tau­ben und ein wenig Men­schen. Aber jetzt mal im Ernst, ihr Tau­ben, ihr seid vie­le und wir, wir sind ganz schön gestresst. Wür­de es euch etwas aus­ma­chen etwas mehr für das Gan­ze zu den­ken? Das wäre so nice. Es ist noch so viel zu tun bis zur Eröff­nung am Sams­tag.
Auf dem Bild ver­su­che ich gelas­sen zu wir­ken, das ist aber über­haupt nicht so, denn vier der Tau­ben sind im Kas­ten am Fres­sen, sie sind auf dem Bild nicht zu sehen aber die Eine, die zu sehen ist, will und will das Loch nicht fin­den.

Tag 5

Tau­ben­füs­se, sam­tig und warm auf der Hand, stampf, hin und her, pick, pick, war­um sind die so ner­vös? Und der Kopf erst, vor und zurück, ein­mal dreh, fast rund­her­um, mir wird fast schlecht. Wie fühlt es sich wohl an in so einem Tau­ben­kopf? Und wie sieht sie mich? Wie lang­sam, trä­ge und behä­big die doch ist, denkt Tau­be bestimmt. Eine drückt mit ihren Flü­geln eine Ande­re zur Sei­te, damit sie mehr Fut­ter bekommt und berührt mei­nen Unter­arm, Federn auf der Haut, das ist rich­tig schön. Wenn sie aus mei­ner Hand picken, tun sie das sorg­fäl­tig, den­ke ich, eine ist über­mü­tig, packt mei­nen Fin­ger, zieht dar­an. Hey, Tau­be, der gehört zu mir, vor­sich­tig zie­he ich mei­nen Fin­ger zurück und pro­bie­re mit ihr zu Spie­len, es klappt noch nicht ganz.
Das Schöns­te heu­te: alle waren im Flug­kas­ten. Fut­ter auf die Hand, Hand zum Loch, Hand fast in den Kas­ten rein, der Kopf der Tau­be geht der Hand nach, immer tie­fer ins Loch und plopp, Tau­be ist im Kas­ten drin. Wie habe ich mich gefreut.

Tag 6

Die­sen Sams­tag ist Eröff­nung. Wie soll ich mich bit­te kon­zen­trie­ren, wenn neben mir die Scheis­se nie­der­pras­selt? Wer soll das alles put­zen? Ja mit dem schlägt sich her­um, wer zur arten­über­grei­fen­den Com­pa­nie wer­den will. Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Nicht­mensch­li­chen ist ein har­tes Pflas­ter, hät­te Andy Hug (der ver­stor­be­ne Welt­meis­ter im Kick­bo­xen) hier gesagt, das wis­sen wir nicht erst seit Coro­na. Arten­über­grei­fend kom­mu­ni­zie­ren, das kann nicht jede*r, jemensch, jeding, da ist schon viel schief gelau­fen, viel Miss­ver­ständ­nis, Ent­täu­schung und Ver­let­zung, das Unter­fan­gen muss sach­te ange­gan­gen wer­den, da muss viel ver­lernt und neu gelernt wer­den. Ein Übungs­feld muss her, ein Agil­tiy­park. Ta-daaaa!!! Herz­lich Will­kom­men bei Thea­ter als Agi­li­ty­p­ark.
Kommt vor­bei und ihr wer­det sehen was wir den lie­ben lan­gen Tag so tun in unse­rem gelb oran­ge­nen Agi­li­typ­ark­kä­fig. Reser­viert schnell ein Ticket, es hat nur wenig Platz. Ein­lass ab 15 Uhr jeweils zur vol­len Stun­de. We miss and love you deeply gurr gurr fore­ver and ever und grüs­sen aus der Tau­ben­scheis­se die immer mehr wird, hil­feee!

Tag 7

Danie­le Muscio­ni­cos schreibt in der NZZ: Die­ses Haus @Neumarkt Zürich ist auch ein Tau­ben­schlag. Die Zür­cher Stadt­tau­be hiess Iris und war nach der Femi­nis­tin Iris von Roten benannt. Vor einem Jahr war sie die Diva in einem der unge­wöhn­lichs­ten Thea­ter­räu­me Zürichs, in einem veri­ta­blen Tau­ben­schlag, den Serai­na Dür und Jonas Gill­mann an der Chor­gas­se 5 instal­liert hat­ten. Wer ihn ver­säum­te, hat jetzt Gele­gen­heit, am Thea­ter Neu­markt die Neu­auf­la­ge ihres «Par­la­ments der Din­ge, Tie­re, Pflan­zen und Algo­rith­men» ken­nen­zu­ler­nen. Und das lohnt. Denn es ist ein Urlaub für den Kopf, in klei­ner Run­de anhand der Lite­ra­tu­ren von Lynn Mar­gu­lis, Annie Sprink­le oder Don­na Hara­way über die Bezie­hung zu Nicht-Mensch­li­chem und über eine ande­re Welt­sicht als die anthro­po­zen­tri­sche nach­zu­den­ken. Zum Bei­spiel über den Blick von Iris auf uns, jener geflü­gel­ten beflü­geln­den Zür­cher Bür­ge­rin. Die­sen Sep­tem­ber wird sie mög­li­cher­wei­se Ali­ce heis­sen und schwarz gefie­dert sein.
Et voi­là Danie­le Muscio­ni­co, wir stel­len vor:

Tag 8

Toi, toi, toi und herz­lich Will­kom­men im Ensem­ble lie­be Tau­ben! Das Stand auf einer Ser­vi­et­te, dar­in ein­ge­wi­ckelt ein Stück Brot, das Geschenk zur Eröff­nung von Thea­ter als Agi­li­ty­p­ark von den Thea­ter Neu­markt Direk­to­rin­nen. Freu­de, freu­de, flat­ter, flat­ter. Ich bin mir sicher, die brau­ne Tau­be in der Mit­te, die ehe­ma­li­ge Euro­pa­meis­te­rin, die so ger­ne im Schein­wer­fer Licht steht, wird bis mor­gen den wei­chen Teil weg­ge­pickt haben und uns mit einem sty­li­schen Brot­kra­gen begrüs­sen, der letz­te Schrei in der Tau­ben­sze­ne!
Was für eine schön-freu­dig-auf­wüh­len­de Eröff­nung ges­tern, dan­ke an alle die da waren und mit uns nach neu­en Kom­mu­ni­ka­ti­ons­skills für unse­ren Agi­li­ty­p­ark gesucht haben. Wir machen jetzt mal ganz kurz Pau­se!

Tag 11

Herz­li­che Ein­la­dung zur ers­ten ‘Pigeon Rea­ding Group’, heu­te, 20 Uhr an der Chor­gas­se 5. Wir lesen ‘Der sym­bio­ti­sche Pla­net’ von der wun­der­ba­ren Lynn Mar­gu­lis, die schreibt, dass Evo­lu­ti­on einst vor Mil­li­ar­den Jah­ren und noch immer nicht im Krieg aller gegen aller, son­dern durch Koope­ra­ti­on und Sym­bio­se ent­steht. Es waren Bak­te­ri­en, die zusam­men Sym­bio­ge­ne­se mach­ten und so zu ers­ten Zel­len wur­den. Zu denen des Löwen­zahns, der Tau­be, des Kefirs, den wir wäh­rend des Lesens trin­ken wer­den, und zu unse­ren. Das ist nicht schlecht auf­re­gend, dazu braucht es kei­ne Vor­be­rei­tung, kein Vor­wis­sen aber es gibt nur wenig Plät­ze, also schnell reser­vie­ren wer dabei sein will. Wir freu­en uns auf Lynn Mar­gu­lis und auf euch.

Tag 14

Lang­sam mei­ne ich zu ver­ste­hen, die Tau­ben, Jonas und ich müs­sen eini­ges ver­ler­nen, damit das zusam­men was wird. Wir woll­ten Tau­ben, die im Unter­schied zu den Stadt­tau­ben letz­tes Jahr schon was kön­nen, damit sie uns, wenn wir ende Okto­ber aus der Chor­gas­se weg müs­sen, nicht wie­der davon flie­gen und ja, die­se Tau­ben kön­nen jetzt in einen Flug­kas­ten flie­gen, das heisst, wir sind jetzt rei­se­taug­lich. In den Flug­kas­ten flie­gen tun die Tau­ben ganz beflis­sen, sie sit­zen auf ihrer Lieb­lings­stan­ge, flie­gen den Kas­ten an, hüp­fen ins Loch, egal ob Fut­ter drin ist oder nicht, hüp­fen wie­der raus und zurück zur Stan­ge und das den gan­zen Tag lang im Loop. Wir haben ihnen ein schö­nes Tau­ben­bad gemacht aber sie baden nicht, wir wis­sen aber, dass Tau­ben Baden lie­ben. Wir den­ken, die Sport­tau­ben haben nicht gelernt zu baden, sie kön­nen lan­ge ruhig auf der Stan­ge sit­zen, auf Befehl wahn­sin­nig schnell vom Him­mel in den Kas­ten flie­gen und rich­tig gut für Fut­ter das tun was Mensch von ihnen ver­langt. Wenn Fut­ter im Kas­ten ist, geht auch das Gedrän­ge los, wer kann mit den Flü­geln die Ande­re zur Sei­te drän­gen um selbst am meis­ten zu bekom­men, das macht der Flug­kas­ten. Wol­len wir das? Wir wol­len mit ihnen Rei­sen und dar­um ist der Kas­ten wich­tig aber wir wol­len auch einen respons­ablen Umgang in unse­rer Com­pa­nie, wir wol­len in eine Bezie­hung ein­üben die nicht nur auf Kon­di­tio­nie­rung und Domi­nanz beruht. Ich mei­ner­seits kann ja auch rich­tig gut tun was von mir ver­langt wird um geliebt zu wer­den. Und jetzt? Die Tau­ben brin­gen mit, dass sie Sport­tau­ben sind, dass sie auf Kom­man­do flie­gen und zurück in den Kas­ten hüp­fen. Wir brin­gen mit, dass wir unter­hal­ten kön­nen. Also je ver­ler­nen wir jetzt. Und ja lie­be Tau­ben, in was wol­len wir zusam­men ein­üben?

Tag 15

Für sie ver­ler­nen, dass es nur im Flug­kas­ten Fut­ter gibt, für mich ver­ler­nen, die Kon­trol­le über die Situa­ti­on zu behal­ten, das stand heu­te auf dem Pro­be­plan. Dabei wur­den die rosa Gum­mi­hand­schu­he zu unse­rem Spiel­zeug und das ist so pas­siert: Eigent­lich da um Tau­ben­scheis­se weg­zu­put­zen, behielt ich sie heu­te etwas län­ger an, ich woll­te wis­sen wie es ist, wenn Tau­ben­schnä­bel durch Gum­mi auf Haut picken. Und dar­aus wur­de sowas wie ein gemein­sa­mes Spiel, sie zupf­ten mit ihren Schnä­beln am Hand­schuh, eine pack­te den Gum­mi, schau­te mich kurz an, nur ganz kurz und lässt ihn dann los, ein leich­tes fit­zen auf der Haut, hey! will ich rufen und freue mich.

Tag 17

Essen! Zu Tisch! Wir tei­len zum Zmit­tag Por­ridge und üben Com­pa­n­ions zu wer­den, ent­spannt ist das nie und nim­mer aber ganz schön auf­wüh­lend, wir spie­len, wer bringt den Por­ridge am schnells­ten run­ter. Ich gebe mir gröss­te Mühe aber sie sind mir mei­len­weit vor­aus.

Tag 21

An Gum­mi­hand­schu­he zie­hen bis der Gum­mi reisst, Tau­ben­füs­sen in Sli­my rein und gucken ob das Fäden zieht, Jonas Rücken als Sitz­stan­ge brau­chen, blin­de Kuh dazu, den Fut­ter­be­cher über den Kopf, mei­ne Hän­de zum Kar­rus­sell, Jonas Fin­ger in den Schna­bel und dar­an zie­hen bis er ihn lachend weg­zieht, unse­re Füs­se als Hin­der­nis-Par­cours und mei­ne Hosen­ta­sche als Ziel der Schatz­su­che, ich hat­te ein paar Kör­ner drin ver­ges­sen. Wenn das nicht klas­si­sches Tau­ben-Agi­li­ty ist.
In die­sem Sin­ne lesen wir in der zwei­ten Aus­ga­be der Pigeon Rea­ding Group die Trai­nings­ge­schich­ten aus dem Mani­fest für Gefähr­ten von Don­na Hara­way, um 20 Uhr an der Chor­gas­se 5.

Tag 22

Und noch mehr Tau­ben-Agi­li­ty: Von der Sitz­stan­ge aufs Klet­ter­ge­rüst, dann auf Jonas Rücken, balan­cie­ren ohne abzu­rut­schen, das Möw­lein tut das am liebs­ten. Das Möw­lein, die Weis­se, ist eine in die Jah­re gekom­me­ne Hoch­zeit­stau­be, die aus­ge­mus­tert wur­de, uns wur­de erzählt, dass das Hoch­zeit­stau­ben Busi­ness seit Coro­na nicht mehr flo­riert. Das ist unser Glück, das Möw­lein ist ein rich­ti­ges Agi­li­ty-Ass. Auch begeis­tert bei der Sache ist die Grau-Schwar­ze, wir nen­nen sie Kat­ze, sie schnurrt sobald sie Fut­ter sieht. Schnurrt sie mal ein­fach so und pas­siert das zufäl­lig wenn sie auf mei­nem Rücken sitzt, wirkt das bes­ser als jedes Hot-stone-ayur­we­da-well­ness-irgend­was. Ich weiss es genau, Grau-Schwarz gibt die Nach­bars­kat­ze, die uns regel­mäs­sig in der Chor­gas­se besucht.
Mor­gen um 19 Uhr sind wir im Rah­men von m2act zu Gast im Süd­pol Luzern.

Tag 24

Wir waren ges­tern auf Gast­spiel, im Süd­pol Luzern für m2act. Unser Ers­tes als arten-über­grei­fen­de Com­pa­ny. Das bedeu­tet: schlaf­lo­se Näch­te, viel Orga­ni­sa­ti­on für wenn alles doch ganz anders kommt als gedacht, was wenn die Tau­ben nicht in die Kis­te flie­gen, was wenn wir nie wie­der aus dem Süd­pol raus­kom­men? 9:45 in der Chor­gas­se, wir rascheln mit dem Fut­ter, die Tau­ben flie­gen fröh­lich in die Kis­te. Wir bau­en Flug­stan­ge, Tisch, Klet­ter­ge­rüst ab und gucken, dass die Scheis­se­spur auf den Mat­ten beim Trans­port schön bleibt. Dann die Tau­ben in den Lade­raum, nein, sicher nicht, die kom­men vor­ne auf unse­ren Schoss und los geht es. 13 Uhr im Süd­pol, Scheis­se aus­rich­ten, damit es aus­sieht als hät­ten sie da soeben hin­ge­schis­sen. 16 Uhr, die Tau­ben flie­gen ins Rick, mist, wie mit der Tau­be spie­len die in 6 Metern Höhe sitzt und ab und zu einen Schiss von sich gibt. 18:30 kurz vor Vor­stel­lungs­be­ginn kom­men sie auf die Flug­stan­ge, wie das jetzt? Und sie spie­len mit. 20 Uhr alle flie­gen fröh­lich in die Kis­te, die Show ist jetzt vor­bei, auf unse­rem Schoss geht es über die A4 zurück ans Neu­markt. Wir kön­nen auf Gast­spiel, lie­be Tau­ben und lie­be Men­schen das ist eine gros­se Freu­de!

Tag 25

Ich rufe den Tau­ben­züch­ter Hans Ganz Bitsch in Ror­bas an und fra­ge, ob wir mor­gen mit den Tau­ben aufs Feld kön­nen. Aufs Feld geht man mit Tau­ben um sie dort flie­gen zu las­sen. Aufs Feld? Jetzt? Im Herbst, Win­ter? Nein, das wür­de ich nicht. Die Zug­vö­gel sind weg. Die Greif­vö­gel haben Hun­ger, denen flie­gen so die gebra­te­nen Tau­ben ins Maul, meint Hans Ganz Bitsch. War­tet bis der Früh­ling kommt, geht mit ihnen unter­des­sen in Hal­len. Ich den­ke, er denkt an hohe Decken, an gros­se Thea­ter, da wol­len die Tau­ben hin, da wol­len sie flie­gen, das freut die Tau­ben und die gros­sen Thea­ter freut das bestimmt auch. Und wir machen wei­ter mit unse­rem Indoor Tau­ben-Agi­li­ty Trai­ning und freu­en uns auf den Früh­ling, das Feld und die Zug­vö­gel.

Tag 28

Die Tau­ben schla­fen, die Séan­ce mit Vre­ni Spies­ser beginnt, Vre­ni sagt, wir ver­bin­den uns mit den Tau­ben im Schlaf, war­um schlaft ihr nicht bei den Tau­ben, fra­gen uns Besucher*innen, zu recht, also schla­fen wir nach der Séan­ce bei den Tau­ben, sie schla­fen in ihrer Lieb­lings­sitz­ord­nung, vor­zugs­wei­se auf einem Bein, manch­mal erwacht eine, putzt sich das Gefie­der, öff­net ein Auge, niesst, schlies­sen das Ande­re, döst weg, ich mache es wie die Tau­be, zäh­le die hei­te­ren Stun­den nur oder wie ging das noch­mals oder ich mache es wie die Tau­be, den­ke an das Gefühl als ich als Kind im Traum durch das Haus mei­ner Eltern geflo­gen bin, ich weiss wie sich Flie­gen im Kör­per anfühlt, ich wuss­te es bevor ich es jemals tat, woher kommt das Wis­sen, am Mor­gen dann eher unsanft von krat­zi­gen Tau­ben­füs­sen auf Kopf und Gesicht geweckt.

Tag 31

Theo­dor W. Ador­no schrieb mal: “Mein liebs­ter Ber­tolt, wie es dir wohl gehen mag in die­sen auf­wüh­len­den Zei­ten? (Ange­schrie­ben wir hier Ber­tolt Brecht.) Ich bin gera­de etwas ver­zwei­felt, muss ich ehr­lich geste­hen und weiss nicht mehr wo mir der Kopf steht geschwei­ge denn die Füs­se. Was ich aber weiss ist, dass Kul­tur ein Palast aus Tau­ben­scheis­se ist oder soll ich an die­ser Stel­le Hun­de­scheis­se schrei­ben? Was fin­dest du pas­sen­der lie­ber Ber­tolt?” Tau­ben­scheis­se ist hier viel pas­sen­der, lie­ber Theo­dor, ich sehe das näm­lich genau­so wie du. Dar­um gehö­ren zu unse­rer Kom­pa­gnie auch 2000 Kom­post­wür­mer die die gan­ze Scheis­se ver­ar­bei­ten. Und jetzt zu Don­na Hara­way deren Mani­fest für Gefähr­ten wir mor­gen an der drit­ten Aus­ga­be der Pigeon Rea­ding Group lesen. Hara­way macht Zun­gen­küs­se mit ihrer Hün­din Cayenne und ich tu Zun­gen­küs­sen mit der Tau­be, die Kat­ze heisst und mit der aus­ge­mus­ter­ten Hoch­zeit­stau­be. Und die kön­nen das voll gut, im ernst. Bei der Über­tra­gung des Spei­chels wer­den nicht nur Viren, Bak­te­ri­en etc. aus­ge­tauscht, son­dern auch gene­ti­sche Infor­ma­tio­nen. Wei­ter­ga­be von Erb­infor­ma­tio­nen ohne Sex. “Das ist doch Sym­bio­ge­ne­se wie ich mir das immer vor­ge­stellt habe” wür­de Lynn Mar­gu­lis an der Stel­le sagen, den Film “Sym­bio­tic Earth” über die­se wun­der­ba­re Wis­sen­schaft­le­rin zei­gen wir am kom­men­den Mitt­woch.
Und mor­gen lesen wir von Hun­den, die Lie­be machen und erzäh­len tun wir vom Lie­be machen mit Tau­ben, so jetzt ist aber Schluss, wir lie­ben euch, ihr Wür­mer, Tau­ben und Leut, wir sind nie allein gewe­sen aber das wisst ihr bestimmt schon lan­ge.

Tag 34

Der­niè­re in der Chor­gas­se, dan­ke Thea­ter Neu­markt für die Zeit bei euch, schön war es, eine Besu­che­rin sagt, dan­ke für die Nähe zu den Tau­ben, eure Tau­ben sehen ganz anders aus als Stadt­tau­ben, ich den­ke, das liegt auch am guten Licht das der Mar­tin gehängt hat und am guten Fut­ter natür­lich und am Thea­ter­raum auch, die Tau­ben haben etwa drei Babys fast um den Ver­stand gebracht und ihre Her­zen zum hüp­fen und rasen, einer woll­te bei und mit den Tau­ben medi­tie­ren, eine die Tau­be mit nach Hau­se neh­men und wie­der­um einer mein­te, wir sol­len mit den Tau­ben Zun­gen­küs­sen, im Unter­schied zu klei­nen Kat­zen und Hun­den, mein­te er, die von ihren Eltern geleckt und dar­um spä­ter ger­ne gestrei­chelt wer­den, mögen das die Tau­ben nicht, denen wird von klein auf ein Schna­bel in den Rachen gesteckt, daher die Idee mit dem Zun­gen­küs­sen, ja, viel­leicht hat er recht, sie wol­len wirk­lich nicht gestrei­chelt wer­den die Tau­ben. Und sind wir jetzt die arten-über­grei­fen­de Com­pa­ny? Der Wild­hü­ter der Stadt Zürich sagt er möge Tau­ben nicht, er erzählt für alle Haus­tie­re (unse­re Tau­ben sind Zucht­tau­ben und somit Haus­tie­re) gibt es Hal­te­be­stim­mun­gen, nur für Tau­ben nicht, die mag wirk­lich kei­ner, den­ke ich, aus­ser ein paar Züch­ter und dar­un­ter viel­leicht gera­de mal eine Züch­te­rin und zwei Künstler*innen die zusam­men mit Tau­ben eine Thea­ter­com­pa­ny grün­den und noch die Anne Lin­ke, die sich für tau­ben­freund­li­che Archi­tek­tur im Stadt­raum ein­setzt. Medi­en­kon­fe­renz des Bun­des­ra­tes, wir kön­nen wei­ter­ar­bei­ten, wann kommt der Lock­down, der Schlaf bleibt weg, Tau­ben ein­fan­gen, wir zie­hen für zwei Wochen an die Gess­ne­ral­lee, in ‘die Wur­zel der Welt’ von Ema­nue­le Coc­cia lesen, das hilft immer. Er schreibt über Pflan­zen und über unser Ver­schränkt­sein in der Welt. Durch das Atmen wird die Luft zu dem, was in uns ent­hal­ten ist, und umge­kehrt, was in uns ent­hal­ten war, wird zu dem was uns ent­hält dank der Pflan­zen und die sind immer am glei­chen Ort, lass es mich tun wie die Pflan­ze und ich den­ke an eine Zei­le aus einem Gedicht von Eve­li­ne Has­ler für ihre kran­ke Schwes­ter, mei­ne Mut­ter, sie schrieb: wo dein Kör­per auch sein mag, ver­bun­den sind wir durch den Atem.

Fotos: Anne Lin­ke