Zum Tod von Gud­run Orsky

Foto: Niklaus Stauss

Zürich war ihr nicht gewach­sen

Sie war eine auf­fäl­lig unauf­fäl­li­ge Per­son. In nichts ent­sprach sie im Zürich der acht­zi­ger und neun­zi­ger Jah­re dem Bild, das man als Frau zu erfül­len hat­te: Hosen als Lieb­lings­kleid, das Haar ras­pel­kurz. Geht man so, wenn man der Welt und den Erwar­tun­gen gefal­len will? So geht man wohl bes­ser nicht.

Gud­run Orsky, 1941 in Posen gebo­ren, in Wies­ba­den aus­ge­bil­de­te Schau­spie­le­rin und Regis­seu­rin, war eine unbe­que­me Per­sön­lich­keit. Und unbe­quem war sie, weil sie mit einem radi­ka­len Anspruch das Bild der Frau – und von Thea­ter – bre­chen woll­te. Sie war ein Vor­bild, eine Pio­nie­rin, ein role model heu­te, rich­tungs­wei­send als Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur sowie als Thea­ter­schaf­fen­de. Gud­run Orsky war in den Jah­ren 1970 bis 1977 die heim­li­che Kraft hin­ter und neben Har­ry Buck­witz am Schau­spiel­haus Zürich; von 1982 bis 1984 lei­te­te sie den Kel­ler des Schau­spiel­hau­ses. 1989 schliess­lich trat sie als ers­te Frau über­haupt die Direk­ti­on des dama­li­gen Thea­ter am Neu­markt an.

 

Man lieb­te oder fürch­te­te sie

In einer Zeit des Regie­thea­ters wähl­te sie einen ande­ren, einen ein­sa­men Weg. Sie för­der­te und stärk­te die Stim­men von Autorin­nen und Autoren. Ihr Spiel­plan war avan­ciert und mutig, denn wie die Inten­dan­tin selbst war auch ihre Stück­wahl nicht wil­lens, sich der Kri­tik anzu­die­nen. Im Zen­trum ihres Inter­es­ses stand die Macht­ver­tei­lung zwi­schen den Geschlech­tern und zwi­schen Besit­zen­den und Besitz­lo­sen.

Bald ver­ehr­te man sie am Neu­markt auf­grund ihrer Kom­pro­miss­lo­sig­keit. Oder man scheu­te sich, ihr zu sagen, dass man sie für stur hielt. Um ihre Per­son lag die Ahnung von Auto­ri­tät, wie man sie gemein­hin nur Män­nern zuge­stand. Am Ende ihrer vier­jäh­ri­gen Inten­danz 1993 über­wo­gen die kri­ti­schen Stim­men – und es soll­te dau­ern, bis man ihre Leis­tung ein­zu­ord­nen in der Lage war.

Gerin­ge Besu­cher­zah­len zu Beginn ihrer Inten­danz hat­ten – nicht zum ers­ten Mal und nicht zum letz­ten Mal – dazu geführt, dass im städ­ti­schen Par­la­ment For­de­run­gen nach einer Schlies­sung des Thea­ters gestellt wur­den. Gud­run Orsky war eine Miss­ver­stan­de­ne, der das poli­ti­sche Zürich nicht gewach­sen war.

 

Sie leb­te Huma­ni­tät

Im Rück­blick mar­kier­te sie und ihre Inten­danz in Zürich den Beginn eines neu­en Thea­ter­ver­ständ­nis­ses. Unter ihrer Lei­tung begann sich dar­stel­len­de Kunst für die Stadt zu inter­es­sie­ren, für die Gesell­schaft und ihre Zeit. So war es Pro­gramm, dass sich Orsky mit dem «Akti­ons­bünd­nis für bedroh­te Flücht­lin­ge» soli­da­ri­sier­te, das in der Woche ihrer ers­ten Pres­se­kon­fe­renz das Haus zum «Refu­gi­um» für die von der Aus­schaf­fung bedroh­ten Men­schen erklärt hat­te und sich dort ver­bar­ri­ka­dier­te. Und es war kon­se­quent, dass sie für die Räu­mung des Platz­spit­zes und die Schlies­sung der offe­nen Dro­gen­sze­ne laut war. Orskys Thea­ter war nicht die Anstalt des puren Geis­tes, der am Büh­nen­rand die Ver­ant­wor­tung abgibt. Hier ver­stand sich Thea­ter als Teil geleb­ter Zeit­ge­nos­sen­schaft.

Nach ihrer schwie­ri­gen Neu­markt-Inten­danz zog sie sich aus der Zür­cher Öffent­lich­keit zuse­hends zurück. Erst jetzt wur­de aus ihrem pri­va­ten Umfeld bekannt, dass sie im August ver­stor­ben ist. Gud­run Orsky liegt in einem anony­men Grab auf dem Fried­hof Enzen­bühl.

Danie­le Muscio­ni­co, Ende Okto­ber 2020.