Hayat Erdo─ƒan┬®Flavio Karrer

hayat erdoğan

direk­ti­on & dramaturgie

Was wür­dest du dem Tod ger­ne ein­mal unter vier Augen sagen?

Hayat bu işte.*

*«Das ist das Leben».

Wie schützt du dich?

Idea­lis­mus.

Wor­an glaubst du?

Ich glau­be an Ideen.
Ich glau­be an die Not­wen­dig­keit, immer wie­der von Neu­em Ja zu sagen.
Ich glau­be dar­an, dass man eine Posi­ti­on nicht aus Abgren­zung bezie­hen darf.
Ich glau­be dar­an, dass es not­wen­dig ist, jede Posi­ti­on immer wie­der in Fra­ge zu stel­len.
(Sonst wer­den Posi­tio­nen dog­ma­tisch, zu ein­di­men­sio­na­len Welt­sich­ten, die sich bes­ten­falls einen insze­nier­ten Streit über die Rich­tig- und Gül­tig­keit der je eige­nen Posi­ti­on lie­fern, schlimms­ten­falls wer­den sie zu Ideo­lo­gien.)
Ich glau­be, dass wir ver­ste­hen müs­sen, dass das, was wir begeh­ren, ima­gi­nie­ren, den­ken immer Teil kom­ple­xer und macht­vol­ler Über­tra­gun­gen ist.
Ich glau­be dar­an, dass wir sehen ler­nen kön­nen.
Ich glau­be dar­an, dass wir ler­nen ler­nen kön­nen.
Ich glau­be dar­an, dass wir sehen und ver­ste­hen ler­nen kön­nen, wel­che Grund­an­nah­men unse­re Begeh­ren, unse­re Ima­gi­na­tio­nen, unser Den­ken orga­ni­sie­ren.
Ich glau­be dar­an, dass unse­re Ima­gi­na­tio­nen poli­tisch sind und wir unse­re Begeh­ren neu ord­nen kön­nen.
Ich glau­be an das Unbe­kann­te, Unvor­her­ge­se­he­ne, das Zufäl­li­ge.
Ich glau­be an die Not­wen­dig­keit von Kon­tin­genz.
Ich glau­be dar­an, dass sich das Kon­tin­gen­te als ste­ter Anfang fixie­ren lässt.
Ich glau­be an die Dau­er des Zufalls.
Und das ist für mich:
Love.
Ich glau­be dar­an, dass das, was ist nicht alles ist und sich dar­um auch ändern lässt.
Ich glau­be an das Thea­ter als uto­pi­sche Metho­de und Mög­lich­keits­raum.
Ich glau­be an ein spe­ku­la­ti­ves So-könn­te-es-sein.
Ich glau­be an das Als-Ob des Spiels.
Ich glau­be an die Not­wen­dig­keit der Büh­ne. Im Leben wie in der Kunst.
Play.
Ich glau­be an den Gemein­sinn, an Sin­ne und Sinn­lich­keit.
Ich glau­be an das Pro­jekt einer ästhe­ti­schen Gemein­schaft.
Ich glau­be an das Poten­ti­al eines Wir.
Ich glau­be an die Kraft eines Wir einer ästhe­ti­schen Gemein­schaft, einer kom­men­den Gemein­schaft, einer Gemein­schaft, die über den Gehalt eines Gemein­sa­men strei­tet.
Ich glau­be an den wider­stands­lo­sen Wider­stand eines ästhe­ti­schen Wir.
Ich glau­be auch, dass wir manch­mal die­ses uto­pi­sche Modell unter­bre­chen und Ver­rat an der Idee des ästhe­ti­schen Spiels üben müs­sen.
Denn wie Edu­ard Lou­is schreibt: «Für die Herr­schen­den ist die Poli­tik weit­ge­hend eine ästhe­ti­sche Fra­ge: eine Art, sich zu den­ken, sich zu erschaf­fen, eine Welt­sicht. Für uns ist sie eine Fra­ge von Leben und Tod.»
Fight. 
Wir ist das Sub­jekt der Poli­tik.
Wir kön­nen nicht nichts wollen.

Was ist dein Lieblingswort?

Ran­dom.

Bio­gra­fie

Hayat Erdoğan ist Dozen­tin, Dra­ma­tur­gin und Kura­to­rin. Sie arbei­tet seit 2010 an der Zür­cher Hoch­schu­le der Küns­te, wo sie Dozen­tin für Theo­rie, Dra­ma­tur­gie und Per­for­ma­ti­ve Kunst im Mas­ter­stu­di­en­gang Thea­ter ist. Sie war For­schungs­sti­pen­dia­tin der James Joy­ce Stif­tung in Zürich und Tri­est, arbei­te­te als Dol­met­sche­rin und Über­set­ze­rin, war Mit­ar­bei­te­rin in diver­sen Pro­jek­ten, u. a. des Inter­na­tio­nal Insti­tu­te of Poli­ti­cal Mur­der, lei­te­te künst­le­ri­sche, for­schen­de Pro­jek­te zwi­schen Lon­don und Hong Kong und war Kom­mis­si­ons­mit­glied u. a. der Thea­ter­för­de­rung Stadt Zürich. Sie arbei­tet als freie Kura­to­rin, u. a. im Caba­ret Vol­taire, und als Autorin. 2015 begann sie ein Pro­mo­ti­ons­stu­di­um in Phi­lo­so­phie bei Prof. Dr. Robert Pfal­ler. Seit der Spiel­zeit 2019/20 ist sie Co-Direk­to­rin und Dra­ma­tur­gin am Neumarkt.

Foto ©Fla­vio Karrer