Schwei­zer Propagandakonferenz

Essay­is­ti­sche Kon­fe­renz mit Vor­trä­gen und Lec­tu­re Performances

Der Regis­seur und Autor Boris Niki­tin wid­met die­se drei­tä­gi­ge Kon­fe­renz dem Roh­stoff «Öffent­lich­keit», um den ein glo­ba­ler Wett­streit ent­brannt. Wie nie zuvor geht es dar­um, gese­hen und gehört zu wer­den: für Zwe­cke der poli­ti­schen Mobi­li­sie­rung, auf der Suche nach Soli­da­ri­tät, dem Zei­gen der eige­nen Gefühls­wel­ten oder zur schlich­ten Bewer­bung von Pro­duk­ten. Hier­bei ist die gemein­sam geteil­te Öffent­lich­keit eine begrenz­te Res­sour­ce und gleich­sam die Büh­ne, auf der Men­schen «ihre» Wirk­lich­keit dar – und vor­stel­len und damit die Wirk­lich­keit mit­ge­stal­ten. Die­ses Umwer­ben, Erkämp­fen, Gestal­ten, Mani­pu­lie­ren, Erzeu­gen und Her­stel­len von Wirk­lich­keit lässt sich auf einen Begriff brin­gen: Pro­pa­gan­da. In der für das Neu­markt kon­zi­pier­ten und kura­tier­ten SPK lädt Niki­tin nun zwölf Posi­tio­nen ins Thea­ter ein, die die Pro­duk­ti­on von Öffent­lich­keit und Wirk­lich­keit beleuch­ten und/oder die­se bereits selbst akti­vie­ren. Die zwölf Reden, Vor­trä­ge, Lec­tu­re Per­for­man­ces und Gesprä­che dre­hen sich um Pro­pa­gan­da – und sind selbst Propaganda.

#Schwei­zer Pro­pa­gan­da #wirk­lich #posi­tio­nen #wett­be­werb #auf­merk­sam­keit 

Über­sicht


FREI­TAG, 27.9.2019

17 Uhr – Robin LaVer­ne Wil­son aka Dra­gon­fly

Black Queer Mad­ness as Hyper­sa­ni­ty
Eröff­nungs­per­for­mance in eng­li­scher Sprache

18.15 Uhr – Rabih Mroué
Krieg, Kunst und Pro­pa­gan­da
Gespräch in eng­li­scher Sprache

19.30 Uhr Pau­se

20.15 Uhr Debo­rah Feld­man
Ver­rat und Struk­tur
Vor­trag

21.15 Uhr – İmr­an Aya­ta
Kam­pa­gne über alles
Lec­tu­re Performance


SAMS­TAG, 28.9.2019

14 UhrDavid Eugs­ter
Die Gewin­nung des öffent­li­chen Ver­trau­ens
Vor­trag

15 UhrFran­zis­ka Schutz­bach
Wie funk­tio­niert rechts­po­pu­lis­ti­sche Rhe­to­rik?
Vor­trag

16.30 UhrPau­se

17 Uhr – Bran­dy But­ler
Unti­t­led
Lec­tu­re Per­for­mance mit Songs

18 Uhr  – Pau­se

19.30 UhrGeorg Seeß­len
INFLU­ENCE oder die Kunst, in die Köp­fe zu regie­ren
Vor­trag

20.30 Uhr – Storm & Stör­mer
Worst Case Sze­na­ri­os – Der Pro­pa­gan­da­film. Schön­heit der Ideo­lo­gie
Lec­tu­re Performance

SONN­TAG, 29.9.2019

14 UhrDean Hutton
Plan B, a Gathe­ring of Stran­gers
Lec­tu­re Per­for­mance
In eng­li­scher Sprache

16 UhrGeoff­roy de Lag­as­ne­rie
Für eine Ethik der Wer­ke
Vor­trag
In eng­li­scher Sprache

17 UhrPau­se

17.30 Uhr – Didier Eri­bon
Poli­tik der Scham (redux)
Gespräch
In eng­li­scher Sprache

Im Anschluss Abschlussumtrunk

 

Das Pro­gramm en détail

Frei­tag, 27.9

Robin LaVer­ne Wil­son aka Dra­gon­fly
Black Queer Mad­ness As Hyper­sa­ni­ty. A Sum­ma­ry Of My Afrosur­rea­listic Life

«Living in per­pe­tu­al resis­tance from birth to cur­rent — in a neo­co­lo­ni­al world order that pre­fers I sit down and shut up — is my grea­test artis­tic lega­cy. Through sto­ry and song — and for a minu­te per each year lived to date — I reflect upon my own con­tra­dic­tions, libe­ra­te ske­le­tons from my clo­set, dance with my ‹shame›, and rec­laim them all as my shama­nic superpowers.»

Aus einem Text von Dra­gon­fly aka Miss Jus­ti­ce Jes­ter (2019)

Robin LaVer­ne Wil­son, auch bekannt unter den Alter Egos Dra­gon­fly, Miss Jus­ti­ce Jes­ter oder Hel­ve­ti­ka Bold, ist US-ame­ri­ka­ni­sche Kon­zept­künst­le­rin und poli­ti­sche Akti­vis­tin. In ihrer Arbeit bewegt sie sich zwi­schen Per­for­mance, ritu­el­lem Sto­ry­tel­ling, musi­ka­li­schen Acts und Gue­ril­la-Aktio­nen. Als Mit­glied der akti­vis­ti­schen Per­for­mance­grup­pe Rever­end Bil­ly & The Stop Shop­ping Choir tourt sie seit vie­len Jah­ren durch die Welt. Im Jahr 2016 kan­di­dier­te sie als Ver­tre­te­rin der Grü­nen Par­tei im Staat New York um einen Senats­sitz. Für die Schwei­zer Pro­pa­gan­da­kon­fe­renz SPK hält sie die Eröff­nungs­re­de, die zugleich ver­zerr­ter Song, Beschwö­rung und poli­ti­scher Agit­prop ist.

Rabih Mroué
Krieg, Kunst und Propaganda

Rabih Mroué gehört zu den Ver­tre­tern einer liba­ne­si­schen Gegen­warts­kunst, die sich seit über drei Jahr­zehn­ten mit der Dar­stel­lung und Mani­pu­la­ti­on von Rea­li­tät aus­ein­an­der­setzt. Der gemein­sam mit ande­ren liba­ne­si­schen Künstler*innen wie Walid Raad, Akram Zaa­tari oder Joana Had­jitho­mas ent­wi­ckel­te doku­men­ta­ri­sche Stil zeich­net sich dadurch aus, die Zuver­läs­sig­keit des Doku­ments als Abbild des Wirk­li­chen in Fra­ge zu stel­len. Ein Foto, ein Pla­kat, ein Zei­tungs­ar­ti­kel oder eine poli­ti­sche Rede kom­mu­ni­zie­ren stets mehr als sie vor­ge­ben. Die­se poten­zi­el­le Unge­wiss­heit des Rea­len grün­det bei all die­sen Künstler*innen nicht zuletzt in der Erfah­rung des liba­ne­si­schen Bür­ger­kriegs in den 1980er-Jah­ren, in wel­chem alle betei­lig­ten Grup­pie­run­gen und Par­tei­en die Deu­tungs­ho­heit über das Gesche­hen für sich bean­spruch­ten und pro­pa­gan­dis­tisch ver­brei­te­ten. Eine Erfah­rung, wel­che die Kon­flik­te unse­rer Zeit vor­weg­ge­nom­men hat?

In einem Gespräch mit Boris Niki­tin erläu­tert Rabih Mroué die Hin­ter­grün­de sei­nes Schaf­fens und nimmt das Ver­hält­nis zwi­schen Pro­pa­gan­da und Kon­flikt, zwi­schen Kunst und Krieg in den Blick.

Rabih Mroué, gebo­ren 1967 in Bei­rut, ist Per­for­mance­künst­ler, Regis­seur, Autor, bil­den­der Künst­ler und Her­aus­ge­ber der Zeit­schrift The Dra­ma Review (TDR) und der Zeit­schrift Kala­mon. Sei­ne Arbei­ten wur­den unter ande­rem im MoMA/New York, HKW/Berlin, SALT/Istanbul, bei der dOCU­MEN­TA (13)/Kassel, den Münch­ner Kam­mer­spie­len, den Wie­ner Fest­wo­chen, im HAU/Berlin und bei den Bas­ler Doku­men­tar­film­ta­gen gezeigt.

Debo­rah Feld­man
Ver­rat und Struktur

Debo­rah Feld­man, gebo­ren 1986, wuchs in einer ultra­or­tho­do­xen chas­si­di­schen Gemein­de im Stadt­teil Wil­liams­burg in New York auf. Ihre durch reli­giö­se Ritua­le und Regeln gepräg­te Kind­heit und Jugend erzählt Feld­man in ihrem auto­bio­gra­fi­schen Roman «Unor­tho­dox». Das 2012 in den USA und 2016 in deut­scher Spra­che erschie­ne­ne Buch wur­de ein inter­na­tio­na­ler Best­sel­ler. Feld­man beschreibt dar­in, wie sich Iden­ti­tä­ten und Welt­bil­der, aber auch Tabus, Scham­ge­füh­le Miss­ver­ständ­nis­se und Abgrün­de in reli­giö­sen Com­mu­nities und dar­über hin­aus aus­bil­den. Nicht zuletzt ist Feld­manns Buch ein Por­trät über die Unter­wer­fung des Kör­pers durch die Spra­che reli­giö­ser und welt­li­cher Geset­ze, wel­che die Bezie­hun­gen zwi­schen den Gesell­schafts­mit­glie­dern zuein­an­der, aber auch zu sich selbst, regeln und ordnen.

Die­se Form struk­tu­rel­ler Gewalt beschreibt Feld­man jedoch nicht allein als ein Phä­no­men «männ­li­cher» Macht­aus­übung. Sie betont viel­mehr, wel­che mass­geb­li­che Rol­le auch Müt­ter und Gross­müt­ter bei der Wei­ter­ga­be von Unter­drü­ckung spie­len. So schreibt sie: «Ich füh­le mich von allen Frau­en in mei­nem Leben verraten.»

Für die Schwei­zer Pro­pa­gan­da­kon­fe­renz SPK denkt Feld­man die­sen Gedan­ken wei­ter: Was ist Ver­rat? Inwie­fern steht die Struk­tur des Ver­rats ins­ge­samt für die Her­stel­lung von Rea­li­tät? Und wie ste­hen Ver­rat und Selbst­be­frei­ung im Ver­hält­nis zueinander?

Sams­tag, 28.9

İmr­an Aya­ta
Kam­pa­gne über alles

İmr­an Aya­ta – gebo­ren 1969 in Ulm – ist Autor, DJ und Mit­in­ha­ber von Ball­haus West, einer Agen­tur für Kam­pa­gnen mit Sitz in Ber­lin. Aya­ta gilt als einer der zen­tra­len Mar­ke­ting­ex­per­ten im deut­schen Sprach­raum. Er war Mit­be­grün­der der anti-ras­sis­ti­schen, anti-natio­na­lis­ti­schen Bewe­gung Kanak Attak, zugleich beglei­te­te er als Wer­be­fach­mann und Cam­pai­gner in den Nul­ler-Jah­ren die Kom­mu­ni­ka­ti­on der Renten‑, Arbeits­markt- und Gesund­heits­re­form als Teil der Agen­da 2010 der rot-grü­nen Bun­des­re­gie­rung. Die Kam­pa­gne kann als eine der erfolg­reichs­ten pro­pa­gan­dis­ti­schen Ope­ra­tio­nen der jüngs­ten deut­schen Geschich­te gele­sen wer­den: «Agen­da 2010» oder «Hartz IV» sind Begrif­fe, die bis heu­te aus der gegen­wär­ti­gen poli­ti­schen Debat­te in Deutsch­land nicht weg­zu­den­ken sind. 2017 lan­cier­te Aya­ta die Kam­pa­gne #Free­De­niz, wel­che die Ent­las­sung des Jour­na­lis­ten Deniz Yücel aus des­sen Unter­su­chungs­haft in der Tür­kei for­der­te und 2018 in Yücels Frei­las­sung mündete.

In einer Lec­tu­re Per­for­mance, die selbst zwi­schen PR-Rhe­to­rik, kapi­ta­lis­tisch-pop­kul­tu­rel­ler Iro­nie und har­ten Fak­ten mäan­dert, demons­triert Aya­ta anhand ver­schie­de­ner Bei­spie­le, wie in Zei­ten der Frag­men­tie­rung die Mecha­nis­men und Tech­ni­ken des moder­nen Cam­pai­gnings aus­se­hen. Dabei zeigt er auf, wie mit Bil­dern und Tex­ten Erwar­tun­gen und Über­zeu­gun­gen her­ge­stellt, wie Nor­men ana­ly­siert und ver­scho­ben und wie Wirk­lich­kei­ten behaup­tet und ver­kauft werden.

Fran­zis­ka Schutz­bach
Wie funk­tio­niert rechts­po­pu­lis­ti­sche Rhetorik

Rechts­po­pu­lis­ti­sche Rhe­to­rik ist nicht ein Phä­no­men irgend­wo an den rech­ten oder rechts­ex­tre­men Rän­dern der Gesell­schaft, son­dern sie ist längst im Feuil­le­ton, in libe­ra­len und selbst lin­ken Krei­sen ange­kom­men. Rechts­po­pu­lis­ti­sche Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien zie­len dar­auf ab, den gesell­schaft­li­chen Dis­kurs zu ver­schie­ben, rech­tes oder rechts­ra­di­ka­les Gedan­ken­gut in der Mit­te der Gesell­schaft zu inte­grie­ren und es auf die­se Wei­se «gewöhn­lich» zu machen – gera­de unter jenen, die sich selbst nicht als rechts bezeich­nen. Eine der wesent­li­chen Bezugs­punk­te ist dabei eine fort­wäh­ren­de Pole­mik gegen femi­nis­ti­sche oder iden­ti­täts­po­li­ti­sche Anlie­gen und Posi­tio­nen, die als «über­trie­ben», «hys­te­risch», «dis­kri­mi­nie­rend» oder «tota­li­tär» dar­ge­stellt wer­den. Die­se Pole­mik gegen «Iden­ti­täts­po­li­tik» oder «Poli­ti­cal Cor­rect­ness» ima­gi­niert sich als Ver­tei­di­gung der «frei­en Rede» und ist der­zeit diepubli­zis­ti­sche Zone, in der sich ver­meint­lich libe­ral-kon­ser­va­ti­ves und selbst lin­kes Den­ken nach rechts ver­schiebt und in der rech­tes Den­ken zum Com­mon Sen­se wird.

Fran­zis­ka Schutz­bach ana­ly­siert in ihrem Vor­trag die Mit­tel einer sol­chen Rhe­to­rik und zeigt die sti­lis­ti­schen und inhalt­li­chen Stra­te­gien und Tricks die­ser bewusst oder zuneh­mend unbe­wusst betrie­be­nen Dis­kurs­ver­schie­bung. Im Mit­tel­punkt ihrer Ana­ly­se ste­hen zen­tra­le rhe­to­ri­sche Topoi wie «Poli­ti­sche Kor­rekt­heit», «Gen­der­wahn», «Homo-Lob­by», «Femi­na­zis», «Umer­zie­hung» oder «Gleich­ma­che­rei».

Fran­zis­ka Schutz­bach, gebo­ren 1978, ist Geschlech­ter­for­sche­rin, Sozio­lo­gin und femi­nis­ti­sche Akti­vis­tin. Einem brei­ten Publi­kum ist sie durch ihr Buch «Die Rhe­to­rik der Rech­ten» (2018) bekannt gewor­den. Sie lehrt und forscht am Zen­trum Gen­der Stu­dies der Uni­ver­si­tät Basel.

Bran­dy But­ler
Unti­t­led

Die Musik- und Lie­der­ge­schich­te ist ein Fun­dus an sub­ver­si­ver Geschichts­schrei­bung. Eini­ge Lie­der und Songs berich­ten von Bio­gra­fien und Schick­sa­len ein­zel­ner Men­schen oder gan­zer Men­schen­grup­pen, deren Leben in offi­zi­el­len Archi­ven ver­schwie­gen wer­den. In den Stim­men der Sänger*innen keh­ren die Ver­stor­be­nen, Getö­te­ten und Ver­stumm­ten in die Gegen­wart zurück und Songs ermög­li­chen auf die­se Wei­se eine geis­ter­haf­te Begeg­nung der Generationen.

In ihrer Lec­tu­re- und Song-Per­for­mance nimmt sich die Sän­ge­rin und Per­for­me­rin Bran­dy But­ler der Musik als Ritu­al des Erin­nerns und als Form des alter­na­ti­ven kol­lek­ti­ven Gedächt­nis­ses an. Dabei forscht sie auch nach den uner­hör­ten Stim­men schwar­zer Skla­ven in den USA, deren Geschich­ten sie in der Libra­ry of Con­gress in Washing­ton, D.C. aus­fin­dig gemacht hat.

Bran­dy But­ler, gebo­ren und auf­ge­wach­sen in Rea­ding, Penn­syl­va­nia, gehört heu­te zu den wich­ti­gen Stim­men der Schwei­zer Musik- und Aktivist*innenszene. Sie trat mit Sophie Hun­ger, Eri­ka Stu­cky, Sina, Stress, Steff la Chef­fe, Phe­nom­den und vie­len ande­ren Kolleg*innen auf und tour­te mit den Bands Cham­ber Soul, Dee Day Dub, Bran­dy But­ler & The Fonxion­aires und King Kora durch Euro­pa, die USA und durch Afri­ka. Seit eini­gen Jah­ren spielt sie auch als Per­for­me­rin auf deutsch­spra­chi­gen Thea­ter­büh­nen, u. a. den Münch­ner Kam­mer­spie­len und dem Schau­spiel­haus Zürich. Seit der Spiel­zeit 2019/20 ist Bran­dy But­ler fes­tes Ensem­ble­mit­glied des Neumarkt.

Georg Seeß­len
Influ­ence oder die Kunst, in die Köp­fe zu regieren

Georg Seeß­len fokus­siert in sei­nem Vor­trag auf Pro­pa­gan­da als eine Begriff­lich­keit, die auf Ein­stel­lun­gen und Hand­lun­gen abzielt und die Abtre­tung eines Teils der Per­sön­lich­keit an ein «gros­ses Ande­res» impli­ziert. Seeß­len the­ma­ti­siert hier­bei neue­re Metho­den der Beein­flus­sung wie etwa das Nud­ging oder das Framing eben­so wie flüs­si­ge, vira­le For­men der Ver­brei­tung von Dis­kur­sen und Hand­lungs­an­wei­sun­gen, dar­un­ter Fake News, Shit­s­torms und Hate Mails oder die «Pro­pa­gan­da der Tat», bei der sich Gewalt­ak­te als Medi­en­er­eig­nis ver­viel­fäl­ti­gen; und das als eine Tria­de aus Bild, Erzäh­lung und Begriff. Pro­pa­gan­da macht Auf­klä­rung schwie­rig bis unmög­lich, da sie stets zu einer Tota­li­tät strebt, mit der nicht nur offi­zi­el­le Dis­kur­se bzw. Ideo­lo­gien, son­dern auch Reli­gi­on oder Sexua­li­tät der Empfänger*innen ange­spro­chen wer­den. Wie ist auf die­se For­men der Rea­li­täts­krüm­mung zu reagie­ren? Wo sind die Gren­zen der Auf­klä­rung und Ana­ly­se? Gibt es sinn­vol­le Gegen­pro­pa­gan­da? Lässt sich Pro­pa­gan­da ihrer­seits sub­ver­siv behan­deln? Gibt es über­haupt Kom­mu­ni­ka­ti­on ohne Propaganda?

Georg Seeß­len, gebo­ren 1948 in Mün­chen, ist Film­theo­re­ti­ker und Pop­wis­sen­schaft­ler, Autor und Her­aus­ge­ber von über zwan­zig Film­bü­chern, u. a. über David Lynch, Quen­tin Taran­ti­no, Stan­ley Kubrick und Mar­tin Scor­se­se. Seeß­len schreibt als frei­er Autor und Jour­na­list regel­mäs­sig für die Wochen­zeit­schrift, Die Zeit, die Frank­fur­ter Rund­schau, die Taz, Jung­le World und Der Freitag.

Storm & Stör­mer
Worst Case Sze­na­ri­os – Der Pro­pa­gan­da­film. Schön­heit der Ideo­lo­gie 

Die sati­ri­sche Rei­he «Worst Case Sze­na­ri­os – Schlech­te Kunst. Vor­trä­ge mit Fall­bei­spie­len» des Schauspieler*innen-Duos Cath­rin Stör­mer und Andre­as Storm ist Kult. Seit meh­re­ren Jah­ren durch­stö­bern sie die ver­schie­de­nen Sphä­ren von Gesell­schaft, Kunst und Kul­tur nach deren Unfäl­len, geschei­ter­ten Pro­jek­ten und ästhe­ti­schen Abgrün­den. Schlech­te Lite­ra­tur, bil­li­ge Fil­me, plum­pe Kunst­wer­ke, pein­li­che Poli­tik – nichts ist vor dem For­scher­drang der bei­den Sammler*innen sicher. Dabei scheint immer wie­der etwas durch, das sich übli­cher­wei­se ver­steckt: die Schön­heit des Schlech­ten und Nicht-Per­fek­ten, der Gla­mour einer unfall­mäs­si­gen Subkultur.

Für die Schwei­zer Pro­pa­gan­da­kon­fe­renz laden Storm & Stör­mer in das Reich des Pro­pa­gan­da­films ein. Sie zei­gen die schöns­ten, bizarrs­ten und merk­wür­digs­ten Pro­pa­gan­da­per­len, Auf­klä­rungs­strei­fen, Lehr­fil­me und bege­ben sich in die Unter­welt der Wahr­heits­pro­duk­ti­on. Pro­pa­gan­da ist Doku­men­ta­ti­on auf Dro­ge. Sel­ten schil­ler­ten die alter­na­ti­ven Fak­ten verführerischer.

Sonn­tag, 29.9

Dean Hutton ali­as Gol­den­de­an
Plan B, A Gathe­ring Of Stangers

Dean Hutton ali­as Gol­den­de­an, gebo­ren 1976 in Johan­nes­burg, ist Fotojournalist*in, Aktivist*in und Performancekünstler*in und kämpft mit schil­lern­den und kon­tro­ver­sen Aktio­nen in Süd­afri­ka für einen von kolo­nia­ler und patri­ar­cha­ler Gewalt befrei­ten öffent­li­chen Raum. Das offen­si­ve Mit­tel, das Gol­den­de­an zum Ein­satz bringt und als «Fat Queer Trans White» bezeich­net, ist dabei immer wie­der der eige­ne Kör­per. Wäh­rend der Student*innenproteste 2016 sorg­te sie mit ihrer Akti­on #Fuck­white­peop­le für Auf­se­hen. Gegen die Akti­on wur­de Kla­ge wegen Hate Speech erho­ben, jedoch 2017 durch das South Afri­can Equa­li­ty Gericht mit dem Ver­weis auf die Kunst­frei­heit abgewiesen.

In ihrer Lec­tu­re Per­for­mance the­ma­ti­siert die süd­afri­ka­ni­sche Künstler*in die Effek­te und Affek­te, die durch klei­ne, ein­fa­che Akte der Dis­si­denz aus­ge­löst wer­den. Die Lec­tu­re ergrün­det, wie Stra­te­gien der Selbst­re­fle­xi­on, des radi­ka­len Tei­lens und des quee­ren zivi­len Unge­hor­sams einen Bei­trag dazu leis­ten kön­nen, das Weiss-Sein aus der nor­ma­li­sier­ten Unsicht­bar­keit zu holen und weis­se Kör­per einer kri­ti­schen Beob­ach­tung aus­zu­set­zen. Zugleich pro­pa­giert und agi­tiert Gol­den­de­an für ein Recht, ohne das ein gewalt­frei­er Raum nicht denk­bar ist: das Recht auf Andersartigkeit.

Geoff­roy de Lag­as­ne­rie
Für eine Ethik der Werte

«Wenn wir über Ungleich­hei­ten beim Zugang zu Muse­en, Gale­rien oder ande­ren Kunst­räu­men spre­chen, ver­wei­sen wir oft auf die Not­wen­dig­keit, Mass­nah­men zur Demo­kra­ti­sie­rung des Zugangs zu den Wer­ken zu ergrei­fen. Aber in gewis­ser Wei­se ist das ein Feh­ler. Mei­ner Mei­nung nach soll­ten Ungleich­hei­ten beim Zugang nicht als ein zu behe­ben­der Man­gel ver­stan­den wer­den. Viel­mehr offen­ba­ren sie die Funk­ti­on der Kunst, die objek­tiv dar­in besteht, sozia­le Aus­gren­zun­gen zu pro­du­zie­ren. Die Ungleich­heit ist also kein Feh­ler, sie ist das Ziel.» Geoff­roy de Lagasnerie

In sei­nem Vor­trag ana­ly­siert de Lag­as­ne­rie zeit­ge­nös­si­sche Kunst als eine Struk­tur, die ent­ge­gen und zugleich auf­grund ihres per­ma­nen­ten eman­zi­pa­to­ri­schen Anspru­ches vor allem sozia­le Aus­schlüs­se pro­du­ziert. Wis­send um die­ses Para­dox, fragt er den­noch: Wie kön­nen wir eine radi­ka­le, unab­hän­gi­ge und desta­bi­li­sie­ren­de Ästhe­tik her­vor­brin­gen, die weder bür­ger­lich noch popu­lär ist, die aber jeden in Bezug auf sei­ne Bezie­hung zur Welt ver­än­dern würde?

Geoff­roy de Lag­as­ne­rie, gebo­ren 1982 bei Paris, ist Phi­lo­soph und Sozio­lo­ge. Mit Didier Eri­bon und dem Schrift­stel­ler Édouard Lou­is gehört er zu einem Kreis Pari­ser Intel­lek­tu­el­ler, die mit Aktio­nen für die Rech­te Homo­se­xu­el­ler und gegen eine neue Frem­den­feind­lich­keit in der fran­zö­si­schen Öffent­lich­keit für Auf­se­hen sor­gen. Dar­über hin­aus mach­ten sie sich in den ver­gan­ge­nen Mona­ten für eine dif­fe­ren­zier­te Sicht auf die Gelb­wes­ten­be­we­gung [Mou­ve­ment des Gilets jau­nes] stark, die seit Dezem­ber 2018 in Frank­reich gegen die Poli­tik Emma­nu­el Macrons demonstrieren.

Boris Niki­tin und Didier Eri­bon
Poli­tik der Scham (Redux)

Scham ist ein unan­ge­neh­mes Gefühl. Sie erzeugt in uns Gefüh­le der Min­der­wer­tig­keit und Ohn­macht. So besteht das Leben vie­ler Men­schen in einem nicht unwe­sent­li­chen Anteil dar­in, die­sem unge­lieb­ten Gefühl aus­zu­wei­chen und es zu ver­mei­den. Boris Niki­tin und Didier Eri­bon führ­ten im April 2019 bei den Bas­ler Doku­men­tar­ta­gen ein ers­tes Gespräch zum The­ma Scham. Nun set­zen sie das Gespräch fort und ver­su­chen zu erläu­tern, inwie­fern die Scham und der damit zusam­men­hän­gen­de Akt des Schwei­gens und Ver­schwei­gens als wesent­li­che sozia­le, rea­li­täts­kon­sti­tu­ie­ren­de Fak­to­ren betrach­tet wer­den kön­nen. Die zuspit­zen­de The­se: Jeg­li­che Form der Poli­tik und der Pro­pa­gan­da zielt letzt­lich auf die Scham des Ein­zel­nen. Sie ist der Flucht­punkt, von dem aus Nor­men, Geset­ze und Ver­hal­tens­codes fest­ge­schrie­ben wer­den. Zugleich fin­det in der Aneig­nung der Scham das poli­ti­sche Sub­jekt über­haupt erst statt: Scham und Angst sind nicht nur Geg­ner des Eman­zi­pa­to­ri­schen, viel­mehr brin­gen sie sie hervor.

Didier Eri­bon, gebo­ren 1953 in Reims, lehrt Sozio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät von Ami­ens. In sei­nem auto­bio­gra­fi­schen Werk «Rück­kehr nach Reims» unter­sucht der Sozio­lo­ge die Ent­fal­tung der eige­nen Homo­se­xua­li­tät im Zusam­men­hang mit der poli­ti­schen Kul­tur sei­nes Her­kunfts­mi­lieus der nord­fran­zö­si­schen Arbei­ter­schaft. Er zählt zu den füh­ren­den öffent­li­chen Intel­lek­tu­el­len Frank­reichs und bezieht regel­mäs­sig Stel­lung zum poli­ti­schen Zeitgeschehen.

Zeit­raum: 27.9.–29.9.2019

team

kura­ti­on: Boris Nikitin

dra­ma­tur­gi­sche Beglei­tung: Julia Rei­chert, Hayat Erdo­gan, Tine Milz

kura­ti­on: boris nikitin 

dra­ma­tur­gie: Niko­lai Prawdzic

video: Elvi­ra Isenring 

Ort: neu­markt saal, digital